Reflections on work and life.

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Buch 2.0 – ein Change Agent

Im Rahmen der Jahrestagung des österr. Buchhandels hatte ich die Ehre, die Keynote zum Thema “Zukunft: Wissensökonomie” zu halten und dem Branchemedium “Der Anzeiger” ein Interview zu geben.

Neben den Fragen der Veränderung von Arbeit, Wirtschaft und Gesellschaft, und wie eine verantwortungsvolle Bildungspolitik darauf reagieren sollte, stand natürlich die Frage nach der Zukunft des Buches im Raum.

Buch 2.0?

Neue Medien, die Aufmerksamkeit stärker an sich ziehen, aber auch das Buch an sich in neuen Präsentationsformen (vom Audiobook zu Sony eReader, Amazon Kindle, Apple iPad) führen  zu tiefgreifenden Veränderungsprozessen im Buchhandel – erste Vorboten dieser Veränderungen sind spürbar und erlebbar.

Wir stehen hinsichtlich der Auseinandersetzung mit Medien (und gerade auch mit gedruckten Medien) vor einer der größten Umbruchperioden seit der Erfindung des Buchdrucks. Wohin dieser Umbruch letztlich führen wird, wird die Zeit weisen. Aus heutiger Sicht lassen sich zum Buch der Zukunft allenfalls drei Thesen aufstellen:

  1. Das Buch wird Bestand haben, doch die Form wird sich wandeln. An die Seite der Codexform (das gebundene Buch) werden neue Buchformen treten, die auf die jeweilige Nutzungssituation angepasst sind. Hörbücher und eBooks sind dazu der erste Schritt. Es wird also nicht eine Form des “Buches 2.0” geben, sondern mehrere nebeneinander. Damit wird sich auch die Art und Weise differenzieren, wie Bücher konsumiert werden.
  2. Bücher werden eben nicht mehr nur ein Konsumgut sein, sondern entwickeln sich zum Kommunikationsinstrument weiter. Beim Lesen des Buches Social Bookmarking betreiben, sich über einen spannenden Absatz gleich und direkt mit anderen Freunden auszutauschen, eine Vielzahl von Medien (und eben auch dialogische Medien) zu integrieren, wird selbstverständlich.
  3. Das Leid aller Autoren (wann bin ich fertig?) wird reduziert dadurch, dass Bücher nicht unbedingt abgeschlossene Werke sein müssen, wenn sie publiziert werden, sondern können sich kontinuierlich weiterentwickeln. Neue Produktionstechniken, vor allem aber auch die Möglichkeit, dialogische Prozesse zu integrieren (bspw. über Social Media) werden dazu einen Beitrag leisten.

Kurzum: Bücher werden reichhaltiger und kommunikativer.

Das Buch als Bildungsinstrument

Sprache ist von entscheidender Bedeutung für Bildung, durch sie erst erschließt sich uns die Welt (“Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt” – L. Wittgenstein) . Dementsprechend zentral ist die Funktion des Buches als Bildungsinstrument.

Immerhin hat es denooch 400 Jahre (von der Erfindung des Buchdrucks Mitte des 15. Jahrhunderts bis zu Kreisky 1972) gebraucht, bis Schulbücher kostenlos allen Kindern zur Verfügung gestellt wurden. Und auch heute ist es um die Lesekompetenz nicht sonderlich gut bestellt. Jeder fünfte Schüler in Österreich gehört zur sogenannten Risikogruppe Lesen, wo also sinnerfassendes Textverständnis unterdurchschnittlich ausgeprägt ist. Nur 9% gehören zur Spitzengruppe (vg. Korea 22%, Finnland 17%, Neuseeland 16%).

Lesekompetenz bedeutet in diesem Zusammenhang übrigens:

  • Information ermitteln – unabhängige Einzelinformationen heraussuchen, allgemeines Textverständnis
  • Interpretieren – Beziehungen zwischen Informationsteilen herstellen, bewertungen vornehmen
  • Reflektieren – Verknüpfen mit anderem Wissen vornehmen, eigene Einstellung dazu überprüfen, eine Meinung bilden

Wenn man sich vorstellt, dass jeder Fünfte österr. Jugendliche dazu nicht in der Lage ist, sollten alle Alarmglocken läuten. Es gibt also noch viel zu tun, gerade auch in diesem Bereich: Lese- und Medienkompetenz ist Bildungsauftrag.

Kreativität

Um es allerdings auch positiv zu sehen: Dies ist die Generation, die vielleicht am aktivsten von allen Generationen bisher selbst publiziert: Auf Facebook, in Blogs, über Twitter, usw. Das mag eine andere Form der Publikation sein, als wir das bisher gewohnt waren, aber Kinder und Jugendliche leben immer in einer Welt, zu der Eltern nur schwer Zutritt finden – das ist soweit nichts Neues. Neu ist der intensive Austausch, das kleiner werden der Welt, das unsere Fantasie und Kreativität anregt.

Denn wenn wir über Kompetenz sprechen, geht das sehr rasch in die kognitive Richtung, und damit in die Richtung Sachbuch oder allgemein gesagt, in Richtung einer rationale Disziplin.

Sprache (und damit auch das Buch) kann aber viel mehr. Durch Sprache erschließt sich uns nicht nur die Ebene der Wirklichkeit, sondern auch die Ebene der Fantasie.

Das Buch als Change Agent

Schrift und Bücher waren immer schon zentrale Instrumente des Wandels, das ist nicht erst seit der Erfindung des Buchdrucks evident und wird auch über die aktuelle Medienrevolution hinaus gültig bleiben.

Heutzutage würde man wohl sagen: Bücher sind Change Agents. Und das werden sie auch bleiben.

 

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Aus Wenigen wurden Viele – und aus Geheimwissen eine Kulturtechnik

Ein Blick in die Vergangenheit und Zukunft der Arbeit in der IT-Industrie Österreichs. Dieser Text ist als Jubläums-Beitrag für die 1000. Ausgabe der COMPUTERWELT entstanden.

Der legendäre und viel zu früh verstorbene Zeit-im-Bild-Moderator Robert Hochner war einer der ersten großen Computerfans (so nannte man das damals noch) Österreichs. In einem Interview mit dem Szene-Magazin Basta wurde er Mitte der 80er-Jahre gefragt, wozu er einen Personal Computer zu Hause habe. Eine heute etwas seltsam anmutende Frage – in der zeitlichen Perspektive aber durchaus gerechtfertigt.

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit vergleichweise günstiger Hardware hielt der Computer Einzug in österreichische Haushalte, wenngleich zunächst noch mit eher spärlichen Anwendungen: Neben die allgegenwärtigen Spiele stellten sich anfangs bestenfalls noch Kochrezept-Datenbanken. Von Kommunikation mit anderen Benutzern, von Musik-, Foto- oder Videobearbeitung oder gar vom Zugriff auf ein weltweites Netzwerk war man weit entfernt. Der breiten Öffentlichkeit verschloss sich der konkrete Nutzen dieser Programme daher ebenso wie das grundsätzliche Verständnis, wozu all das eigentlich im Privatleben eigentlich gut sein könnte.

Nicht viel zugänglicher präsentierte sich die elektronische Datenverarbeitung im Berufsalltag: IT stand einst für hermetisch von der Aussenwelt abgeschirmte Räume, in denen seriöse Herren in grauen Arbeitsmänteln mit rechenschiebergefüllter Brusttasche ebenso hermetisch abgeschirmtes Geheimwissen verwalteten. Technik-Kompetenz war gefragt, und zwar sehr nahe an der Hardware, schließlich war ja fast alles auf die eine oder andere Art angewandte Löttechnik.

JOBS FÜR WENIGE, SPEZIELLE MENSCHEN
EDV war eine Nischenveranstaltung, die von sehr speziellen Menschen betrieben wurde, vielleicht am ehesten vergleichbar mit Modelleisenbahn-Clubs. Nicht zuletzt Hollywood-Filme wie Wargames haben das Bild vom Jugendlichen mit überdurchschnittlichen Computer- und unterdurchschnittlichen Sozialkompetenzen noch weiter verstärkt: Technikverliebte Programmierer, die sich in mehreren Sprachen fließend ausdrücken können, keine davon eine menschliche. Und natürlich sind auch die globalen Ikonen der Industrie – von Bill Gates bis zu den Google-Boys – ein offensichtlicher Beweis dafür, dass es sich um eine jugendlich, männlich dominierte Geek-Branche handelt.

Dennoch: Die in unwahrscheinlich kurzer Zeit enorm gestiegene Bedeutung von Informationstechnologie für das Wirtschafts- und Privatleben hat auch das Berufsbild der IT-Branche dramatisch verändert und vielschichtiger gemacht. Heute verfügt de facto jeder Arbeitsplatz über einen Computer und der Umgang damit wurde zur Kulturtechnik erhoben. Damit ist nicht nur die Anzahl der Menschen, die in der IT-Branche arbeiten, sondern auch die Vielfalt von IT-Berufen geradezu exponentiell angewachsen: Etwa 100.000 Österreicher sind heute in der IT-Branche beschäftigt. Wer heute als Social Media Consultant, Mobiltelefon-Experte, Webdesigner, Multimedia-Spezialist oder E-Commerce-Berater arbeitet, übt einen Beruf aus, den es vor zehn, 15 Jahren noch nicht gab. Mit der Vielfalt sind aber nicht nur die Rollenbilder stärker ausdifferenziert worden, sondern auch die persönlichen und fachlichen Anforderungen gestiegen.

CIO: LÄNGST NICHT MEHR CHEFTECHNIKER
Für eine erfolgreiche Karriere in der IT-Branche reicht Technologie-Kompetenz schon lange nicht mehr aus. Medien-Kompetenz, Wirtschafts-Erfahrung, Teamorientierung, Kommunikationsfähigkeit und Sozialkompetenz sind mindestens ebenso wichtige Voraussetzungen geworden. Am deutlichsten wird das anhand der veränderten Rolle des CIO im Unternehmen. Ehemals nur oberster Techniker, ist der CIO heute Change Manager und tief in strategische Entscheidungen des Unternehmens eingebunden. Andreas Singer, CIO des Flughafens Wien und Preisträger beim CIO des Jahres Award 2010 sieht seine Rolle als »strategischer Partner der Fachabteilungen und als Prozessberater, wenn es um Innovation geht«. Nur mit der richtigen Verzahnung von Business und IT könne sein Unternehmen eine Führungsrolle einnehmen.

Aber nicht nur in der Branche selbst haben sich die Berufsbilder verändert. Informationstechnologie hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Arbeitswelt insgesamt verändert hat. Die Dynamik ist gestiegen, neue Formen der Zusammenarbeit wurden ermöglicht, und aus einstigem Mangel an Information wurde Überfluss. Die daraus entstehende Rückkoppelung zwischen IT-Industrie und anderen Branchen prägen die Wirtschaft in inzwischen nahezu allen Berufen: IT ist Auslöser von Veränderungsprozessen in der Arbeitswelt und wird gleichzeitig von diesem Wandel ebenfalls tief beeinflusst.

STANDORT UND GESELLSCHAFT
Mit der Durchdringung vieler Lebensbereiche ist auch die gesellschaftliche und standortpolitische Verantwortung der IT-Unternehmen gestiegen. Immerhin ist die heimische IKT-Industrie für 25 Prozent des Wirtschaftswachstums und für über 30 Prozent des Produktivitätszuwachses verantwortlich.

Von der drohenden digitalen Spaltung der Gesellschaft war noch vor wenigen Jahren keine Rede, heute ist der Branche bewusst, dass sie dieser Gefahr gegensteuern muss. Der Bedeutung von IT für beruflichen Erfolg tritt die Industrie mit Bildungsschwerpunkten gegenüber, und zwar weit jenseits des klassischen Informatik-Unterrichts.

Dass das Steueraufkommen der IT-Industrie jenes der Tourismus-Branche übertreffen wird, war gerade auch in Österreich unvorstellbar und doch diskutieren die Branchenriesen heute die Notwendigkeit eines IT-Masterplans für Österreich. Auch diese Themen unterstreichen, wie sehr sich Themenfelder, Verantwortungen und auch Berufsbilder in der IT weiterentwickeln.

DER BLICK NACH VORN
Die Dynamik der letzten 25 Jahre ist ein Maßstab für künftige Projektionen. Fünf Trends lassen sich erkennen, die – jenseits aller technologischen Entwicklungen – die IT-Jobs in Österreich prägen werden:

  1. Hochqualifikation wird entscheidend bleiben. Gesamtwirtschaftlich kann Österreich im internationalen Wettbewerb nur bestehen, wenn es sich in der Wertschöpfungskette weiter nach oben hin zu noch innovativeren, werthaltigeren Produkten entwickelt. Für die IT-Industrie trifft dies wie für kaum eine andere Branche zu und unterstreicht damit die Bedeutung von fortwährender persönlicher Qualifikation. Durch die Breite an Themenfeldern, die die Branche berührt, wird diese Anforderung nur noch verstärkt.
  2. Bewegung und Beweglichkeit sind essentiell. Die IT-Industrie war stets eine international geprägte, alleine schon durch die dominante Rolle der USA. Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg Asiens aber auch der so genannten Schwellenländer wird sich dieser Trend verstärken. Mobilität und interkulturelles Arbeiten werden noch stärkere Kennzeichen der Branche werden.
  3. Die IT-Branche ist Vorreiter darin, Wissensarbeit produktiv zu gestalten. Auch weiterhin werden die Fragmentierung von Kommunikationskanälen und der Information Overflow zu den Schlüsselbelastungen einer Vielzahl von Arbeitskräften zählen. Der erfolgreiche Umgang damit wird zu einer persönlichen Schlüsselkompetenz und Führungsaufgabe.
  4. Die IT-Berufsbilder werden noch vielseitiger – und damit auch die Beschäftigten. Der Anteil von Frauen in IKT-Studiengängen ist in den letzten Jahren gestiegen, allerdings herrscht immer noch großer Nachholbedarf an Frauen in der IT. Vergleichbares gilt auch für Bürger mit Migrationshintergrund: Der Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung liegt bei etwa zwölf Prozent  – dieser Prozentsatz ist in der IT-Industrie längst noch nicht erreicht.
  5. Die IT-Branche bleibt noch für längere Zeit eine prinzipiell unreife Branche. Schneller technologischer Wandel und immer wieder neu entstehende Business Modelle werden weiterhin ein hohes Maß an Flexibilität erfordern aber auch Unternehmergeist hervorbringen.

Es bleibt also spannend!

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Impressum & Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.
  
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