Reflections on work and life.

Aspire the impossible. Create the future.

Aus Wenigen wurden Viele – und aus Geheimwissen eine Kulturtechnik

Ein Blick in die Vergangenheit und Zukunft der Arbeit in der IT-Industrie Österreichs. Dieser Text ist als Jubläums-Beitrag für die 1000. Ausgabe der COMPUTERWELT entstanden.

Der legendäre und viel zu früh verstorbene Zeit-im-Bild-Moderator Robert Hochner war einer der ersten großen Computerfans (so nannte man das damals noch) Österreichs. In einem Interview mit dem Szene-Magazin Basta wurde er Mitte der 80er-Jahre gefragt, wozu er einen Personal Computer zu Hause habe. Eine heute etwas seltsam anmutende Frage – in der zeitlichen Perspektive aber durchaus gerechtfertigt.

Mit der zunehmenden Verfügbarkeit vergleichweise günstiger Hardware hielt der Computer Einzug in österreichische Haushalte, wenngleich zunächst noch mit eher spärlichen Anwendungen: Neben die allgegenwärtigen Spiele stellten sich anfangs bestenfalls noch Kochrezept-Datenbanken. Von Kommunikation mit anderen Benutzern, von Musik-, Foto- oder Videobearbeitung oder gar vom Zugriff auf ein weltweites Netzwerk war man weit entfernt. Der breiten Öffentlichkeit verschloss sich der konkrete Nutzen dieser Programme daher ebenso wie das grundsätzliche Verständnis, wozu all das eigentlich im Privatleben eigentlich gut sein könnte.

Nicht viel zugänglicher präsentierte sich die elektronische Datenverarbeitung im Berufsalltag: IT stand einst für hermetisch von der Aussenwelt abgeschirmte Räume, in denen seriöse Herren in grauen Arbeitsmänteln mit rechenschiebergefüllter Brusttasche ebenso hermetisch abgeschirmtes Geheimwissen verwalteten. Technik-Kompetenz war gefragt, und zwar sehr nahe an der Hardware, schließlich war ja fast alles auf die eine oder andere Art angewandte Löttechnik.

JOBS FÜR WENIGE, SPEZIELLE MENSCHEN
EDV war eine Nischenveranstaltung, die von sehr speziellen Menschen betrieben wurde, vielleicht am ehesten vergleichbar mit Modelleisenbahn-Clubs. Nicht zuletzt Hollywood-Filme wie Wargames haben das Bild vom Jugendlichen mit überdurchschnittlichen Computer- und unterdurchschnittlichen Sozialkompetenzen noch weiter verstärkt: Technikverliebte Programmierer, die sich in mehreren Sprachen fließend ausdrücken können, keine davon eine menschliche. Und natürlich sind auch die globalen Ikonen der Industrie – von Bill Gates bis zu den Google-Boys – ein offensichtlicher Beweis dafür, dass es sich um eine jugendlich, männlich dominierte Geek-Branche handelt.

Dennoch: Die in unwahrscheinlich kurzer Zeit enorm gestiegene Bedeutung von Informationstechnologie für das Wirtschafts- und Privatleben hat auch das Berufsbild der IT-Branche dramatisch verändert und vielschichtiger gemacht. Heute verfügt de facto jeder Arbeitsplatz über einen Computer und der Umgang damit wurde zur Kulturtechnik erhoben. Damit ist nicht nur die Anzahl der Menschen, die in der IT-Branche arbeiten, sondern auch die Vielfalt von IT-Berufen geradezu exponentiell angewachsen: Etwa 100.000 Österreicher sind heute in der IT-Branche beschäftigt. Wer heute als Social Media Consultant, Mobiltelefon-Experte, Webdesigner, Multimedia-Spezialist oder E-Commerce-Berater arbeitet, übt einen Beruf aus, den es vor zehn, 15 Jahren noch nicht gab. Mit der Vielfalt sind aber nicht nur die Rollenbilder stärker ausdifferenziert worden, sondern auch die persönlichen und fachlichen Anforderungen gestiegen.

CIO: LÄNGST NICHT MEHR CHEFTECHNIKER
Für eine erfolgreiche Karriere in der IT-Branche reicht Technologie-Kompetenz schon lange nicht mehr aus. Medien-Kompetenz, Wirtschafts-Erfahrung, Teamorientierung, Kommunikationsfähigkeit und Sozialkompetenz sind mindestens ebenso wichtige Voraussetzungen geworden. Am deutlichsten wird das anhand der veränderten Rolle des CIO im Unternehmen. Ehemals nur oberster Techniker, ist der CIO heute Change Manager und tief in strategische Entscheidungen des Unternehmens eingebunden. Andreas Singer, CIO des Flughafens Wien und Preisträger beim CIO des Jahres Award 2010 sieht seine Rolle als »strategischer Partner der Fachabteilungen und als Prozessberater, wenn es um Innovation geht«. Nur mit der richtigen Verzahnung von Business und IT könne sein Unternehmen eine Führungsrolle einnehmen.

Aber nicht nur in der Branche selbst haben sich die Berufsbilder verändert. Informationstechnologie hat auch maßgeblich dazu beigetragen, dass sich die Arbeitswelt insgesamt verändert hat. Die Dynamik ist gestiegen, neue Formen der Zusammenarbeit wurden ermöglicht, und aus einstigem Mangel an Information wurde Überfluss. Die daraus entstehende Rückkoppelung zwischen IT-Industrie und anderen Branchen prägen die Wirtschaft in inzwischen nahezu allen Berufen: IT ist Auslöser von Veränderungsprozessen in der Arbeitswelt und wird gleichzeitig von diesem Wandel ebenfalls tief beeinflusst.

STANDORT UND GESELLSCHAFT
Mit der Durchdringung vieler Lebensbereiche ist auch die gesellschaftliche und standortpolitische Verantwortung der IT-Unternehmen gestiegen. Immerhin ist die heimische IKT-Industrie für 25 Prozent des Wirtschaftswachstums und für über 30 Prozent des Produktivitätszuwachses verantwortlich.

Von der drohenden digitalen Spaltung der Gesellschaft war noch vor wenigen Jahren keine Rede, heute ist der Branche bewusst, dass sie dieser Gefahr gegensteuern muss. Der Bedeutung von IT für beruflichen Erfolg tritt die Industrie mit Bildungsschwerpunkten gegenüber, und zwar weit jenseits des klassischen Informatik-Unterrichts.

Dass das Steueraufkommen der IT-Industrie jenes der Tourismus-Branche übertreffen wird, war gerade auch in Österreich unvorstellbar und doch diskutieren die Branchenriesen heute die Notwendigkeit eines IT-Masterplans für Österreich. Auch diese Themen unterstreichen, wie sehr sich Themenfelder, Verantwortungen und auch Berufsbilder in der IT weiterentwickeln.

DER BLICK NACH VORN
Die Dynamik der letzten 25 Jahre ist ein Maßstab für künftige Projektionen. Fünf Trends lassen sich erkennen, die – jenseits aller technologischen Entwicklungen – die IT-Jobs in Österreich prägen werden:

  1. Hochqualifikation wird entscheidend bleiben. Gesamtwirtschaftlich kann Österreich im internationalen Wettbewerb nur bestehen, wenn es sich in der Wertschöpfungskette weiter nach oben hin zu noch innovativeren, werthaltigeren Produkten entwickelt. Für die IT-Industrie trifft dies wie für kaum eine andere Branche zu und unterstreicht damit die Bedeutung von fortwährender persönlicher Qualifikation. Durch die Breite an Themenfeldern, die die Branche berührt, wird diese Anforderung nur noch verstärkt.
  2. Bewegung und Beweglichkeit sind essentiell. Die IT-Industrie war stets eine international geprägte, alleine schon durch die dominante Rolle der USA. Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Aufstieg Asiens aber auch der so genannten Schwellenländer wird sich dieser Trend verstärken. Mobilität und interkulturelles Arbeiten werden noch stärkere Kennzeichen der Branche werden.
  3. Die IT-Branche ist Vorreiter darin, Wissensarbeit produktiv zu gestalten. Auch weiterhin werden die Fragmentierung von Kommunikationskanälen und der Information Overflow zu den Schlüsselbelastungen einer Vielzahl von Arbeitskräften zählen. Der erfolgreiche Umgang damit wird zu einer persönlichen Schlüsselkompetenz und Führungsaufgabe.
  4. Die IT-Berufsbilder werden noch vielseitiger – und damit auch die Beschäftigten. Der Anteil von Frauen in IKT-Studiengängen ist in den letzten Jahren gestiegen, allerdings herrscht immer noch großer Nachholbedarf an Frauen in der IT. Vergleichbares gilt auch für Bürger mit Migrationshintergrund: Der Anteil der Migranten an der Gesamtbevölkerung liegt bei etwa zwölf Prozent  – dieser Prozentsatz ist in der IT-Industrie längst noch nicht erreicht.
  5. Die IT-Branche bleibt noch für längere Zeit eine prinzipiell unreife Branche. Schneller technologischer Wandel und immer wieder neu entstehende Business Modelle werden weiterhin ein hohes Maß an Flexibilität erfordern aber auch Unternehmergeist hervorbringen.

Es bleibt also spannend!

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