Reflections on work and life.

Aspire the impossible. Create the future.

Der Monza Effekt

Im Wiener Prater gibt es eine Kinder-Autobahn, auf der ich schon als kleiner Bub gefahren bin, und die in weitgehend unveränderter Form nach wie vor existiert. 

Für die Kinder in den Autos gibt es zwei wichtige Dinge: Erstens einen kleinen roten Knopf, das ist die Hupe. Und zweitens, natürlich, das Lenkrad. Mit großer Leidenschaft wird daran vor jeder Kurve gekurbelt und gedreht, um die erwünschte Richtungsänderung einzuleiten.

Werden die Kinder größer, geht die Freude an dieser Autobahn allerdings verloren. Der Grund dafür: Die Autos fahren auf Schienen, das Lenken ist sinnlos. Sobald man das erkannt hat, sobald man gewahr ist, dass man als Passagier hilflos drin sitzt und im Kreis gefahren wird, verliert die Autobahn schlagartig ihre Faszination. Hupen ist das einzige, das bleibt. Oder Aussteigen.

Diese Prater-Attraktion heißt „Monza-Autobahn“ und ich benenne daran angelehnt eine besorgniserregende Entwicklung in der politischen Landschaft: Den „Monza-Effekt“.

Zu Wählen ist das höchste Gut in einer Demokratie. Man verleiht damit nicht nur seiner politischen Gesinnung Ausdruck, sondern gibt seiner Vorstellung einer guten Zukunft politische Richtung. In der Hoffnung, dass – ganz nach dem Prinzip von res publica – der Wähler als Souverän Richtungsänderungen ermöglicht, in dem er jenen Repräsentanten seine Stimme verleiht, die am ehesten in die vom Wähler gewünschte Richtung lenken werden, oder verhindern, dass andere in die falsche Richtung steuern.

Angesichts von komplexen und immer komplexer werdenden Aufgabenstellungen; angesichts von eng miteinander verwobenen Interessenslagen zwischen eigentlicher Politik, politischen Vor- und Umfeldorganisationen, Interessensverbänden, Meinungsmachern und sonstigen Stakeholdern; und angesichts einer sehr schwammig gelebten Gewaltentrennung, in der Legislative und Exekutive von der Regierung ausgeht, und die effektive Wirksamkeit des Parlaments in der Praxis fragwürdig ist, verliert sich allerdings immer öfter die Spur. 

Neue politische Gruppierungen entstehen, mit – je nach Weltanschauung des Betrachters – mehr oder weniger nachvollziehbaren Ausrichtungen und mehr oder weniger professionell und redlich agierenden Personen. Jedenfalls entsteht der Effekt einer Fragmentierung der politischen Landschaft – was ja auch der Individualisierung der Lebensstile der Bürger entspricht, die sich eben nicht mehr so einfach wie früher in zwei, drei große Lager mit weitgehend homogenen Interessenslagen einteilen lassen.

Die ehemals großen Parteien sind inzwischen deutlich geschrumpft, und zwar nicht nur hinsichtlich ihres Stimmenanteils, sondern auch ihrer intellektuellen Kapazität und ihrer Fähigkeit, entscheidende Lösungen zu erarbeiten und durchzusetzen, und nicht zuletzt auch deswegen eng mit dem genannten Netzwerk verwoben. Im Ergebnis stehen sie den Herausforderungen der Zeit zunehmend hilflos gegenüber.

Die Opposition ist vielfach kleinteilig strukturiert, den Partikularinteressen enger Zielgruppen verpflichtet und damit nicht nur stellenweise weit off topic an Nebenschauplätzen gebunden, sondern auch in einem intensiven Wettbewerb untereinander gefangen, der Kooperation innerhalb der Opposition selten macht. Hinzu kommt dass aufgrund der Geschäftsordnungen des Parlamentarismus die Rechte der Opposition von vornherein eingeschränkt sind bzw. sich weit hinauszögern, in endlose Längen ziehen oder gar überhaupt ignorieren lassen.

Einer hilflosen Regierung steht eine wirkungslose Opposition gegenüber.

Für den Bürger entsteht der Eindruck, dass es letztlich egal ist, wo er sein Kreuzerl macht. Der Monza-Effekt tritt ein: Das Lenkrad ist wirkungslos, es bleibt zur kurzfristigen Ventilierung der Frustration und als Beschäftigungstherapie der rote Knopf, der die Hupe betätigt – und mittelfristig das Aussteigen und Zusehen.

Die größte Gefahr für unser demokratisches System ist nicht, dass Fehlentscheidungen von Politikern getroffen werden. Sondern dass angesichts einer als sinnlos wahrgenommenen Gemengelage in der Politik die Wähler – so wie die Kinder im Auto im Prater – das Interesse an der Teilnahme verlieren und sich abwenden.

Es bleibt die Hoffnung, dass dieses Risiko gut und rechtzeitig erkannt wird, und nicht auf dem Altar des jeweils aktuellen politischen Kleingeldwechselns oder des eigenen politischen Überlebenswillens geopfert wird.

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Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.
  
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