Reflections on work and life.

Aspire the impossible. Create the future.

Die ganz persönliche Bildung

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Individualisierung ist ein unleugbarer Grundstrom unserer Gesellschaft, gleichermaßen Antrieb und Quelle des Fortschritts wie auch soziologischer Irritationen. Ist der Anspruch, in jeder Lebenslage personalisierte Angebote vorzufinden und durch individuelle Parametrisierung auch massentaugliche Produkte und Leistungen ganz auf die eigene Person zuschneiden zu können, der berühmte Aufbruch aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und damit ein zentrales Motiv der aufgeklärten Gesellschaft der Moderne? Oder ist es vielmehr ein Kennzeichen eines kalten, egoistischen Anspruchsdenkens?

Philosophische Haarspalterei? Mitnichten, denn gerade in der Bildung darf man sich um diese Frage nicht drücken. Wer die Individualisierung in der Bildung diskutieren möchte, darf nicht bei der Adressierung organisatorischer Aufgabenstellungen stehen bleiben, sondern muss sich damit auseinander setzen, welches Versprechen sich aus einer zunehmend personalisierten Bildung für die einzelnen Lernenden und für die Gesellschaft ableiten ließe.

Dazu drei Thesen.

Erstens: ICH kann nur im Kontext mit WIR funktionieren

Bildung gibt Kindern nicht nur einen Wissenskanon mit auf den Weg, sondern etwas viel Entscheidenderes: ein Wertesystem, auf dessen Basis die Zukunft entstehen wird. Indem mittels des Bildungssystems Haltungen, Werte und Kompetenzen vermittelt werden, wird jungen Menschen nicht nur die Fähigkeit verliehen, in der Dynamik des Wandels unserer Welt zu bestehen, sondern die Zukunft aktiv und positiv zu gestalten. Die Förderung individuellen Potentials muss daher eingebettet sein in ein gesellschaftliches Wertesystem, das in sich selbst ebenfalls ein dynamisches Gebilde darstellt.

Wenn Bildung als Instrument verstanden wird, das wesentlich dazu beiträgt die Zukunft zu gestalten, dann wird damit die Fähigkeit und Willigkeit der künftigen Generation beeinflusst, die richtigen Entscheidungen zu treffen: sowohl im privaten Rahmen als auch im größeren gesellschaftlichen Kontext. Von diesen Entscheidungen der kommenden Generation wird es abhängen, wie gut es gelingt, den Wirtschaftsstandort Österreich fit zu halten, den Wohlstand langfristig abzusichern, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und aufrechtzuerhalten sowie die ökologischen Konsequenzen richtig einzuschätzen.

In einer aufgeklärten, demokratischen Gesellschaft hat Bildung den Auftrag, jede und jeden Einzelnen in die Lage zu versetzen, die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Allerdings: Was ein gelungenes Leben ausmacht, davon gibt es vielfältige Vorstellungen: vom ganz persönlichen Bereich, der etwa ein erfülltes Familienleben und die Organisation des Alltags und der Freizeit umfasst; von der eigenen Rolle im gesellschaftlichen Bereich, beispielsweise die Anteilnahme und Mitsprache auf unterschiedlichen Ebenen; und vom beruflichen Bereich, der neben der langfristigen Sicherung des Lebensunterhaltes auch die Erfüllung in der Arbeit beinhaltet.

Unabhängig von der ganz persönlichen Disposition zu diesen Lebensbereichen sind daher für den gesellschaftlichen Erfolg in der Zukunft eine Reihe von Kompetenzen nötig, die im aktuellen Bildungssystem nicht oder zu gering abgebildet sind: Einerseits Selbstkompetenzen, die auf die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit abstellen, andererseits Sozialkompetenzen, die auf die verantwortungsbewusste Rolle Einzelner in der Gruppe und in der Gesellschaft abstellen. Diese scheinbaren „Soft Faktoren“ haben in einer innovationsgetriebenen, hochkomplexen, vielschichtigen Welt eine entscheidende Funktion. Entscheidend für den Karriere- und Lebensverlauf wird zunehmend nicht mehr nur herausragendes Fachwissen in einzelnen Fachdisziplinen sein, sondern die Gesamtpersönlichkeit.

Personalisierung in der Bildung muss sich also trotz eines mehr als berechtigten Fokus auf die Förderung des Einzelnen auch darauf konzentrieren, Individuen dabei zu unterstützen, ein neues Wir zu entdecken und gestalten zu wollen.

Zweitens: Die Zukunft gehört den „größten individuellen Möglichkeiten“

Fachleute aus der Bildung haben wiederholt darauf hingewiesen, dass ein Charakteristikum des Schulsystems die Konzentration auf das Dokumentieren der Abweichungen von einem Soll-Wert ist. Damit wird Kindern früh die Angst eingeimpft, etwas falsch zu machen. Wer aber keine Fehler machen darf, wird niemals etwas Eigenständiges, Kreatives entwickeln. Im Ergebnis führt das dazu, dass herausragende Begabungen beschnitten werden, um auf anderen Feldern vorhandene Schwächen zu kompensieren – mit dem Ergebnis gleichförmiger Mittelmäßigkeit.

Außerordentliches Talent – im wörtlichen Sinne also Talent, das nicht der geplanten Ordnung entspricht – darf nicht als Störfaktor empfunden werden, sondern als Chance. Wenn durch Personalisierung der Bildung die einzelnen Lernenden im Mittelpunkt der Betrachtung stehen, dann gilt es, angesichts der unterschiedlichen Begabungen, nicht auf die Suche nach dem „kleinsten gemeinsamen Vielfachen“ (KGV) zu gehen, sondern im Gegenteil in Richtung der „größten individuellen Möglichkeiten“ (GIM).

Die Individualisierung des Unterrichts darf sich also nicht nur in der differenzierten Förderung unterschiedlich starker Leistungen erschöpfen, sondern erfordert ein vielschichtigeres Eingehen auf die individuellen Talente, gerade auch jenseits des Spektrums des Regelunterrichts und des tradierten Fächerkanons.

Drittens: Digitalisierung macht es möglich

Dass Lernen in der persönlichen Beziehung mit den Lehrkräften als fördernde und ermöglichende Begleiterinnen und Begleiter deutlich erfolgreicher ist als das undifferenzierte Lernen per Frontalvortrag, ist keine neue Erkenntnis. Ebenso lange diskutiert ist, dass es dringend einen besseren Schlüssel zwischen Lehrenden und Lernenden bzw. Studierenden braucht. Das blieb jedoch unter Beachtung der Verfügbarkeit von pädagogischem Personal und öffentlicher Finanzierbarkeit bislang eine Illusion.

Was aber, wenn der zu vermittelnde Stoff durch andere Kanäle verfügbar wäre? Wenn der Lehrstoff den Schülerinnen und Schülern auf Abruf, permanent und in einer Fülle unterschiedlicher Formate zur Verfügung stünde, formal und informell? Was, wenn Lehrkräfte sich nicht mehr mit dem Vermitteln eben dieses Lehrstoffs befassen würden,
sondern mit der intensiven Unterstützung individueller Problemstellungen, z.B. bei der Erledigung von Hausaufgaben in der Unterrichtszeit?

Dann wäre das Konzept „Flipped Classroom“ im Einsatz. Wir gingen dann nicht in die Schule, um in einer Gruppe stillsitzend und den Lehrenden zuhörend Inhalte aufzusaugen, und diese am Nachmittag in Einzelarbeit zu üben, sondern umgekehrt: Die Lernenden könnten sich die Inhalte gemäß ihrem eigenen Lerntempo außerhalb der Schule individuell aneignen, und kämen in die Schule, um unter coachender Anleitung der Lehrkraft gemeinsam mit anderen zu üben, zu reflektieren und zu vertiefen.

Nicht unwesentlicher Nebeneffekt dabei: Die Methoden des Wissenserwerbs werden weitgehend schülerseits bestimmt und damit individuell auf die persönlichen Bedürfnisse zugeschnitten. Dabei geht es nicht nur um die Differenzierung der Lehrmittel, bspw. darum, ob textliche oder stärker visuell aufbereitete Inhalte ihre beste Wirkung entfalten. Ist der Lehrinhalt erst einmal ubiquitär verfügbar, können auch Lernumgebungen zur Verfügung gestellt werden, die die aktive Rolle der Schülerinnen und Schüler im Lernen als selbstgesteuerten Prozess fördern und fordern: Für die einen sind vielleicht Fallstudien optimal, um Konzepte in der Anwendung zu erleben; andere lernen am besten spielerisch und ziehen aus Game Based Learning den größten Nutzen; manche experimentieren gern selbst mit vorhandenen Daten und Modellen und empfinden Simulationen besonders hilfreich.

Diese individuelle Vielfalt läßt sich im Regelunterricht auch bei viel pädagogischem Engagement nicht umsetzen – im Konzept des Flipped Classroom allerdings sehr wohl.

Und: Durch die technische Analyse der aufgerufenen digitalen Lehrelemente werden die Neigungen der einzelnen Lernenden sichtbar, etwa welchen Themen sie sich im Speziellen zuwenden, oder für welche Problemstellungen sie besondere Unterstützung brauchen. Die strukturierte und vergleichbare Nutzung solcher Bildungsdaten könnte eine rapide qualitative Verbesserung in didaktischen Fragestellungen bieten.

Paradoxerweise gelingt das genau dann, wenn Personalisierung kein elitäres Programm für wenige ausgesuchte Hochbegabte ist, sondern wenn sich aufgrund massiver Teilnehmerzahlen Skaleneffekte in der Analysemöglichkeit ergeben – Stichwort Big Data.

Der Text ist 2017 erschienen als Beitrag zum Trendreport Personalisierung der Zukunftsakademie des Landes Oberösterreich. Der gesamte Report kann kostenfrei hier abgerufen werden.

Cover-Bild: https://stocksnap.io/photo/97OL3QOZWU

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Zeugnistag an der FH

Wer sich mit der Zukunft der Bildung auseinandersetzt, sollte nicht nur theoretisches Wissen zum Bildungssystem haben, sondern Praxisbezug. Das ist meine feste Überzeugung, und darum lehre ich auch an Hochschulen.

Und wer – wie ich – intensiv einfordert, dass nicht nur die Lernenden sondern auch die Lehrenden regelmäßiges Feedback bekommen sollen, tut gut daran, eben dieses Feedback zu erfragen. Darum bitte ich meine Studenten auch immer, von der angebotenen Möglichkeit, mich zu beurteilen, eifrig Gebrauch zu machen. In meinen Vorlesungen beträgt die Rücklaufquote der Beurteilungen daher auch erfreuliche 65% bis 80%.

Tja, und nun ist Zeugnistag für mich, und ich strahle!

Die Studenten können in insgesamt acht Kategorien Ihre Lehrkraft beurteilen, und zwar nach einer 6-teiligen Skala. In keiner dieser Kategorien hab‘ ich eine schlechtere Note als 1,9 bekommen!

Und, noch erfreulicher, die qualitativen Feedbacks – ein paar Zitate:

„bester Vortragende im gesamten Semester“

„ein sehr guter Vortragender; Man merkt, dass er aus der Praxis kommt. auch die Prüfung war sehr gut aufgebaut – es wurde nicht nur auswendig gelerntes abgeprüft, sondern auch die Umsetzung in die Praxis abgefragt“

„toller vortragender, super praxisbezug, sehr spannende Präsentation“

„Er hat die besten Folien und die LV sind äußerst übersichtlich“

„Herr Kühmayer ist ein äußert kompetenter Vortragender, der die Inhalte der LV sehr gut und interessant übermitteln kann!“

„interessant gestalteter Unterricht, keine Langeweile“

„der Vortragende gestaltet die LV sehr interessant und spannend; geht auf jede einzelne Frage ein; „

„Ein sehr guter Vortragender der sehr viel Praxisbezug in die Lehrveranstaltung einbrachte.“

„Herr Kühmayer sollte unbedingt so weitermachen, da er die LV sehr abwechslungsreich und interessant gestalten hat!“

„Gute Mischung aus Theorie und Praxis!“

Das macht mich stolz und dankbar. Ich habe sehr großen Respekt vor der Aufgabe, Studenten unterrichten zu dürfen und versuche mein Bestes in der Vermittlung des Lehrstoffes und in der Einbindung der Studenten zu geben. Es ist sehr erfreulich zu sehen, dass mir das gelingt und meine Bemühungen offenbar ankommen.

Einige Feedbacks haben sich konstruktiv mit einzelnen Aspekten der Lehrveranstaltung auseinandergesetzt, ich werde für das Wintersemester versuchen, diese Anregungen aufzugreifen und einfließen zu lassen. Damit auch die nächste Beurteilung wieder so positiv ausfällt.

Denn die gute Note für den Vortragenden bedeutet schlicht und einfach gute Lernchancen für die Studenten – und das ist das Wichtigste.

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Das zeitgenössische ABC

Der digital Lifestyle ist Realität geworden – damit wird der Computer zu einem zentralen Werkzeug und Katalysator der Bildung.

Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade „Media Literacy“ der Initiative twentytwenty.

Es kann kein Zweifel mehr daran bestehen: Der Umgang mit Informationstechnologie hat sich zu einer weiteren Kulturtechnik entwickelt. Doch technologische Fähigkeiten alleine sind nicht ausreichend: Angesichts der vielfältigen Lebens- und Arbeitsbereiche, die Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) inzwischen berührt, geht es nicht mehr nur darum, die Handhabung zu beherrschen, sondern die Auswirkungen auf das tägliche Privat- und Berufsleben zu verstehen. Der Computer stellt ein einzigartiges Werkzeug für den Einsatz im Unterricht dar – und diese Chance erschließt sich nicht alleine durch das Aufstellen von PCs im Klassenzimmer.

Abgesehen von der Relevanz von Computerkenntnissen für das Privat- und Berufsleben verspricht der Einsatz von IT in Schulen nachgewiesenermaßen eine Reihe von Vorteilen: Darunter verbessertes Lernen, gesteigertes Engagement der Schüler, bessere Ausrichtung auf zukünftig geforderte Kompetenzen, Schließen der digitalen Spaltung der Gesellschaft. IT ist also gleichermaßen Katalysator für Bildung und unverzichtbares Instrument der Bildung.

Um aber seine vollen Vorteile auszuspielen, muss der Einsatz von Technologie in Schulen weit über die Phase des Ersetzens bestehender Arbeitsmittel hinausgehen. Personalisiertes Lernen bedeutet eben nicht, Technologie zu verwenden, um hergebrachte Unterrichtsmethoden auf moderne Art weiterzuführen, sondern selbstgewählte Lernprogramme zusammenzustellen und umzusetzen.

Die Rolle der Schule und der Lehrer wird dabei neu zu bewerten sein. Wenig überraschenderweise gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen der IKT-Fitness der Lehrer und dem Erfolg des Einsatzes von IKT im Unterricht. Doch wie auch schon heute werden auch künftig Schüler auf diesem Sektor„mehr wissen“ als Lehrer. Die Autorität der Lehrer ergibt sich also nicht als Funktion ihres IT-Fachwissens, sondern als Funktion ihrer pädagogischen Einstellung.

Eine weitere entscheidende Determinante ist die Einbettung von IKT in eine umfassende Bildungsstrategie, sowohl hinsichtlich der aktuellen Ausstattung als auch der Einbindung der vielschichtigen Möglichkeiten von IKT in den Unterricht. Denn die Tatsache, dass Kinder gerne und spielerisch mit IKT umgehen, legt einen idealen Nährboden dafür, dass durch die Nutzung von IKT in einem breiten Fächerkanon selbstmotiviertes und kreatives Lernen möglich ist.

Und schließlich muss der verantwortungsvolle Umgang mit IT erlernt werden (übrigens auch von Erwachsenen!). Jenseits von erhobenen Zeigefingern gilt es aufzuarbeiten, wodurch Glaubwürdigkeit von Information legitimiert ist, welche Konsequenzen sich aus dem Verschwimmen von Grenzen der Privatsphäre ergeben, wie Risiko und Sicherheit ausbalanciert werden können und welchen Beitrag Bürger online leisten können. Dem Bildungssystem kommt die verantwortungsvolle Aufgabe des kritischen Begleiters und reflektierenden Coaches zu.

Mehr zu diesem Themenkreis findet sich in der Studie „Zukunft der Bildung“, die auf hier abrufbar ist, sowie im Abschnitt „Bildung reloaded“ der Trendstudie „Österreich 2025“, die beim Zukunftsinstitut Österreich erwerbbar ist.

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Impressum & Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.
  
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