Reflections on work and life.

Gedanken zu Arbeit und Leben. Von Franz Kuehmayer.

Vater-Karenz

Es ist jetzt ein paar Tage her, dass ich nach mehreren Papa-Monaten wieder ins Business-Leben eingestiegen bin. Die häufigste Frage, die ich aktuell von Freunden und Geschäftspartnern dazu bekomme ist: „Und, wie war’s?“

Die kurze Antwort dazu lautet: „Großartig! Wirklich großartig“. Es gibt aber deutlich mehr und substantielleres zur Vater-Karenz zu sagen.

Was natürlich ganz am Anfang einer Rückschau auf meine Karenzzeit steht, an oberster Stelle, völlig unbestritten, ist dieses unfassbare Glücksgefühl, das unser Sohn auslöst. Und wenn dieses Glücksgefühl nicht nur der kurze Augenblick ist, wenn Papa nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt und vom kleinen Mann angestrahlt wird, sondern sich über Tage und Wochen und Monate erstreckt, die man miteinander zubringt, dann ist das wirklich unfassbar schön. Trotz aller Belastungen, die Vatersein mit sich bringt (schlaflose Nächte wären da zum Beispiel zu erwähnen): Vatersein ist mit absolut nichts im Leben vergleichbar!

Die letzten Monate waren ein absolutes echtes Highlight in meinem Leben, eine wirklich wunderbare Zeit.

Ich habe unserem Sohn jeden Tag bei seiner Entwicklung zusehen können, ihn begleiten können, und darüber gestaunt, wieviel sich da in ganz kurzer Zeit tut.

Auch unsere Beziehung hat sich in diesen Monaten spektakulär entwickelt. Ist ja auch kein Wunder. Zuvor war ich derjenige, der morgens und abends und am Wochenende da ist, und nun derjenige, der den ganzen Tag und zwar jeden Tag da ist. Natürlich hat das massiven Einfluss auf die Vater-Sohn-Beziehung und alleine dafür hat sich die Zeit gelohnt.

Neben diesem großartigen Gefühl habe ich auch vier substantielle Erkenntnisse aus der Zeit mitgenommen:

1. Kompetenzerweiterung

Da sind zunächst einmal ganz operative Erkenntnisse, die sich als Kompetenzerweiterung auch auf das Arbeitsleben übertragen lassen. 

Ich gestehe, dass ich vor Beginn meiner Vaterkarenz schon die Hoffnung hatte, dass mir tagsüber auch ein wenig Zeit für mich persönlich bleiben würde. Für den Bücherstapel auf meinem Tisch, der während der Arbeitszeit immer nur höher wird; für etwas mehr Sport; und für ein paar notwendige private Organisationsaufgaben, die liegen geblieben waren. Das war der Plan. Aber das war natürlich eine naive Illusion, denn:

Lektion 1 als Vater: Kein Plan übersteht den ersten Baby-Kontakt.

Ein Kleinkind zu betreuen ist ein Fulltime-Job. Solange der Knirps wach ist, fordert er 100% Aufmerksamkeit.

Man hat kaum Zeit für irgendwas nebenbei. Am Anfang ist mir das recht belastend vorgekommen, man kommt weder zu dem, was man selbst tun wollte, noch dazu, dem Kind volle Aufmerksamkeit zu schenken, weil man gedanklich woanders ist und eigentlich gerade etwas anderes machen will. Dieser interne Konflikt hat mich anfangs belastet, bis mir dann die Erkenntnis gekommen ist, dass diese zwingende Vereinnahmung eigentlich ein wunderbares Geschenk ist.

In einer Welt, die ohnehin ständig um meine Aufmerksamkeit ringt, gibt es plötzlich diese unentrinnbare Gravitation meines Sohnes, die mich völlig fokussiert werden läßt. 100% präsent zu sein, ganz im Augenblick zu sein. Keine Ablenkungen. Perfekt!

Das ist eine wahre Lektion in Fokussierung, in Priorisierung, in Loslassen-Können von Dingen, die nicht wichtig sind, zumindest nicht im Augenblick.

Dazu kommt: Mit einem Kleinkind ist ein enormes Maß an Multitasking und Agilität gefragt. Dagegen sind die aus Assessment Centern bekannten „Postkorbübungen“ zur gezielten Überlastung von KandidatInnen ein Klacks. Man lernt auf ganz notwendige Art und Weise die richtige Balance zwischen Planung und Flexibilität, zwischen strikten Policies und losen Richlinien, zwischen Disziplin und Spontaneität. Und last but not least, man lernt, wie man eben doch zu den Dingen kommt, die man persönlich tun will. Wie man den 5-Minuten-Slot hier und die 15-Minuten-Schlafpause des kleinen Mannes da für sich selbst nutzen kann.

Also insgesamt, erste Erkenntnis: Karenz ist ein ausgezeichnetes Training für vieles, was man auch im Beruf jeden Tag braucht. Agilität, Priorisierung, Dispziplin, Flexibilität, alles das hat man als Führungskraft ohnehin gelernt und glaubt, darin souverän zu sein, aber alles das wird nochmals auf ganz selbstverständliche und intensive Weise nachgeschärft. Mein kleiner Sohn hat mir nochmals eine sehr gute Auffrischung meiner Arbeitstechniken verpasst.

2. Prioritäten.

Es geht ja nicht nur darum, die Dinge richtig zu tun, sondern vor allem: Die richtigen Dinge zu tun.

Meine Karenzzeit ist mit dem heissesten Sommer in der Geschichte zusammengefallen. Er war geprägt von zahlreichen Hitzewellen und starken Gegensätzen: Massive Dürre hier, Starkregen, Überflutungen und Verwüstungen an anderer Stelle. Fachleute sind sich einig, dass extreme Hitzesommer wie der diesjährige die Regel werden, ein Vorbote sind auf den sich beschleunigenden Klimawandel.

Der Sommer 2022 war also auch in dieser Hinsicht ein Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, in der unser Sohn leben wird, und eine Zukunft, deren Gestaltung in der Verantwortung meiner Generation liegt.

Ein Kind zu haben, ist ein massiver Verstärker des eigenen Verantwortungsgefühls. Man denkt eben nicht mehr nur im Horizont des eigenen Lebens, sondern weit darüber hinaus.

Natürlich muss man keine Kinder haben oder in Karenz gehen, um ganz ernsthafte Überlegungen in Richtung Nachhaltigkeit anzustreben, aber ich kann für mich sagen: Bei mir hat das einen ordentlichen Boost ausgelöst.

Mir ist klar geworden, dass Klimawandel in meiner täglichen Praxis – abgesehen vom ohnehin offensichtlichen, wie Energie sparen und Fleischkonsum reduzieren – noch viel zu abstrakt ist und ich werde die nächsten Monate damit zubringen, sowohl privat wie auch beruflich entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Erkenntnis Nummer 2 also: Karenz führt zu Perspektivenwechsel. Dieser neue oder doch zumindest geschärfte Blickwinkel gilt im Bereich der Nachhaltigkeit, verschiebt aber auch in anderen Themen den Horizont der Handlungen, bei Ernährung, bei Sport, bei Gesundheit und vielen anderen.

3. Unser Leben ist soviel mehr als Arbeit.

Die zentralen Thema meiner Forschung drehen sich ja um die Zukunft der Arbeit. Ich schätze den Wert der Arbeit sehr hoch als insgesamt sinnstiftendes und befriedigendes Element des menschlichen Lebens.

Dass wir diesem sehr umfangreichen und eben auch sehr wichtigen Teil unseres Lebens viel, aber nicht ZU viel Bedeutung zumessen sollten, das ist dritte Erkenntnis aus meiner Karenzzeit. 

In diesen Monaten ist in meinem Leben zu Hause viel mehr passiert als in meinem Unternehmen ohne mich. Jeden Tag hat sich unser Sohn ein bisschen weiterentwickelt, und haben wir haben gemeinsam unvergessliche Erinnerungen gesammelt. Wie unendlich schade wäre es gewesen, das wegen einiger e-Mails oder Meetings zu verpassen. 

Wir müssen uns vielleicht eine Spur öfter daran erinnern, dass – vor allem in großen Unternehmen – jeder nützlich ist, aber niemand unersetzlich. Wir alle werden eines Tages an unseren Arbeitsplätzen ersetzt werden, sei es wenn wir einen anderen Job annehmen, sei es, wenn wir in den Ruhestand gehen oder sei es ultimativ wenn wir sterben. Das Unternehmen wird das aushalten, egal an welcher Position wir sind – einfacher Mitarbeiter, mittleres Management oder Geschäftsführerin.

Wir sind nicht so wichtig, wie wir vielleicht denken. Außer für den kleinen Menschen, der zu uns Papa oder Mama sagt.

Diese Erkenntnis ist übrigens auch gültig, selbst wenn Sie keine Kinder haben – für die Menschen in ihrem Leben, für ihre Familie, ihre Freunde, sind Sie soviel wichtiger als für Ihr Unternehmen. Machen Sie sich das immer wieder bewußt und: Handeln Sie entsprechend, vor allem im Einsatz ihrer persönlichen Ressourcen Zeit und Energie.

4. Zeit, Geld und Rollenbilder

Zeit ist im Leben mehr wert als Geld, aber ohne Geld läßt sich halt Zeit schwer frei gestalten. Das ist natürlich keine sonderlich erfrischende Erkenntnis, sondern eher eine Binsenweisheit aus dem Kapitel der Kalendersprüche. 

Wenn ich hier über meine Zeit in der Papakarenz spreche, dann ist mir völlig klar, dass schon alleine die Möglichkeit dazu zu haben, keineswegs selbstverständlich ist, sondern im Gegenteil eine Errungenschaft progressiver Gesellschaften und eine Chance, die sich nur in ökonomisch wohlständischen Strukturen ergibt.

Nur in weniger als der Hälfte der Länder Erde gibt es das Prinzip der bezahlten Karenz überhaupt, der Großteil davon gewährt nur sehr kurze Elternzeiten und auch das vornehmlich für Mütter. Es ist also schon mal ein enormes Privileg, in einem Land zu leben, das Väterkarenz überhaupt möglich macht. In Österreich existiert dieses Recht übrigens nicht erst seit kurzem, sondern seit 30 Jahren. Dennoch ist Kinderbetreuung in der Praxis immer noch überwiegend Frauensache – nur 5% der Väter nehmen Papakarenz in Anspruch, und weitere 5% haben ihre Arbeitszeit verringert, um ihre Kinder zu betreuen. Das heißt, dass 90% aller Väter dieses Privileg des Sozialstaates nicht Anspruch nehmen, obwohl sie es könnten. 

Viel zu wenige Männer verbringen viel Zeit mit ihren Kindern. Väterkarenz führt weiterhin ein Schattendasein.

In meiner Wahrnehmung gibt es dafür drei Gründe:

Erstens, tradierte Rollen- und Karrierebilder. Natürlich gibt es einen seit langem wirksamen gesellschaftlichen Trend in Richtung Gender Equality, wir beschreiben ja auch in der Trendforschung diesen Megatrend, aber Wertevorstellungen ändern sich nur langsam.

Ein zweiter Grund ist ganz real in Karrierepfaden und Gehaltsschemata zu finden. Dass man die beiden Worte „Kind“ und „Karrierkiller“ in unzähligen Artikeln gemeinsam findet, ist leider keine sensationslüsterne Journalistik, sondern nüchterne Tatsache.

Ein Beispiel: Es kehren bis zum 15. Lebensjahr des Kindes nur knapp 70% aller Frauen wieder ins Arbeitsleben zurück und unter diesen 70% der erwerbstätigen Mütter liegt die Teilzeitquote bei 75%.

Bei Männern ist es dagegen genau umgekehrt: Es sind mehr Väter vollzeitbeschäftigt als Männer insgesamt! Und: Je besser der Mann verdient, umso kürzer fällt die Vaterkarenz aus. Auch heute noch gibt also der Vater beruflich Vollgas, weil – oder damit ?! – die Frau zu Hause bleibt oder maximal Teilzeit arbeitet. Damit manifestiert sich das Rollenbild noch weiter.

Arbeitszeit ist das eine, Karriere-Entwicklung ist das andere. Und diese beiden Seiten spielen zusammen, und ergeben einen familienpolitisch grundfalschen Mix: Männer mit Kindern verdienen im Grunde gleichviel wie Männer ohne Kinder, wohingegen Frauen einerseits schon von vornherein weniger als Männer verdienen, und andererseits Frauen mit Kindern nochmals weniger Einkommen erzielen als Frauen ohne Kinder.

Es gibt also viel zu tun, und das ist ein Wake-Up-Call für Unternehmen, Familienpolitik ist nicht nur Sache des Staates, sondern ganz operativ der Betriebe: Wie gut steht es um die Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben, gibt es Kinderbetreuungsangebote, ist Teilzeitarbeit ein Abstellgleis oder sind auch praktisch alle Jobs – alle! auch Führungsjobs! – in Teilzeit möglich, ist es völlig selbstverständlich, dass der Vorstand um 14 Uhr seine Tochter aus dem Kindergarten abholt – und zwar jeden Tag usw. usw. Das Portfolio ist riesengroß, und vor allem nicht nur mit HR-Angeboten zu bestücken, denn es liegt – wie so oft – auch und vor allem an der Kultur.  

Der dritte Grund, warum Väter zu selten in Karenz gehen ist jener, den ich vorhin schon angesprochen habe: Allzuviele Männer können es sich ganz abstrakt nicht vorstellen, Beruf und Karriere eine andere Priorität zuzuweisen, als ihren Kindern. Diese Vorstellung wird natürlich verstärkt durch die beiden erstgenannten Faktoren: Wenn Männer erleben, dass sozusagen nicht einmal für Frauen, die traditionell die Kinderarbeit übernehmen, ausreichend gute Unterstützungsangebote vorhanden sind, und Karrieren völlig selbstverständlich ganz normal weitergehen können, wie soll es dann für den „Sonderfall“ sein, wenn der Mann Vater in Karenz geht? Gekoppelt mit der Tatsache, dass aufgrund der geschlechtsspezifischen Gehaltsschere Männer einen größeren Teil zum Familieneinkommen beitragen und dem ohnehin männlichem Selbstverständnis der Unersetzbarkeit im Beruf führt das zu der aktuellen Situation.

Also, vierte Erkenntnis: Liebe Geschlechtsgenossen: Nehmt lieber nicht Euch selbst im Beruf so wichtig, sondern lieber Eure Familien. Und liebe Unternehmen: Tut was. Denn wenn es so weitergeht, dann bleibt es beim aktuellen Zustand und der Tatsache, dass alles andere dürre Floskeln sind. 

Der Blick nach vorne

Die New York Times hat einen Artikel zum Thema mit der Schlagzeile „Paternity Leave Has Long-Lasting Benefits. So Why Don’t More Men Take It?“ betitelt. Ich kann dazu aus eigener Erfahrung nur sagen: Nicht nur, dass ich selbst keine Minute dieser Zeit missen möchte; nicht nur, dass es unserem Sohn und unserer kleinen Familie enorm gut getan hat – es war auch eine wirklich sinnvolle Investition in die Zukunft. In die Zukunft unseres Kindes, unserer Ehe und auch in meine eigene Zukunft, persönlich und beruflich. Ich mag jedem werdenden Vater zu 100% dazu raten und ich werde mich in Zukunft auch im Rahmen meiner eigenen Forschung und Beratung viel stärker mit dem Themenkomplex Familie und Arbeit beschäftigen.

Filed under: Business, Future Of Work, Leadership, Life, Zukunft

Was ist positiv an Corona? 5 Anregungen.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen.

Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können Führungskräfte durch diesen Tsunami leiten und sie auf eine neue Zukunft einstellen?

Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.
  5. Der Keim des Neuen

Bleiben Sie gesund – und zuversichtlich!

Filed under: Business, Entrepreneurship, Future Of Work, Leadership, Leitbild, Life, Strategie

Apokalyptische Gedanken – Teil 5: Der Keim des Neuen.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Bisher erschienen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.

Im abschließenden fünften Teil erfahren Sie, warum apokalyptische Gedanken etwas Gutes in sich tragen:

Der Keim des Neuen.

Je länger der Ausnahmezustand, in dem wir uns gerade befinden anhält, umso eher wird die Frage, wie es danach weitergeht abgelöst durch: Ob es danach weitergeht?

In Deutschland gehen Ökonomen davon aus, dass sich die Wirtschaftsleistung gegenwärtig auf 50 Prozent des Normalniveaus befindet. Italien und Spanien sind gar bis aufs Existenzminimum heruntergfahren worden. Was die Coronakrise an volkswirtschaftlichen Kosten verursachen wird, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht einschätzen. „In den Wirtschaftswissenschaften haben wir noch weniger Daten als in der Medizin.“ beklagt der Ökonom Harald Oberhofer. Wir sehen, wie sich die Arbeitslosigkeit in jenen Branchen entwickelt, die ganz direkt betroffen sind, etwa von behördlichen Schließungen, oder traditionell sehr kurzfristig auf Konjunkturschwankungen reagieren, wie etwa die Bauwirtschaft. Aber wie sich indirekte Effekte darstellen; welche Branchen und Unternehmen jetzt noch im Durchhalte-Modus sind, aber zunehmend mit wirtschaftlicher Atemnot kämpfen; wie sich im Lichte einer Re-Lokalisierung von Beschaffungsketten Exporte entwickeln – all das und noch viele weitere Folgen kennen wir noch nicht. Es wird wohl Monate dauern, bis wir das seriös abschätzen können.

Corona – und dann?

Wird jener Teil der Wirtschaftsleistung, die derzeit nicht erbracht wird, für immer dahin sein? Schließlich wird jemand, der jetzt nicht zum Friseur gehen kann, um sich die Haare schneiden zu lassen, später deshalb nicht zweimal gehen. Erleben wir gerade verlorene Monate, als Vorboten einer nachhaltigen Dürreperiode, von der wir uns nur sehr langsam erholen werden?

Oder steht uns in naher Zukunft ein rasantes Wachstum bevor, befeuert vom Nachholbedarf der Krisenzeit. Wird das, was man privat oder als Unternehmen in der Krise nicht in Anspruch nehmen konnte, nachher nicht umso gefragter sein? Event-Veranstalter zeichnen z.B. das Bild von einem sehr eng getakteten Herbst, weil Veranstaltungen, Kongresse von jetzt in Richtung Oktober, November verschoben werden. Niemals schmeckte das Schnitzel besser, als nach der Fastenzeit.

Corona verleiht uns Spielraum. 

Wir können keine abschließende Erzählung der Zukunft nach Corona geben. Das konnten wir in Wahrheit übrigens ohnehin noch nie. Viel spannender ist daher die Frage: Entsteht nicht gerade etwas ganz Neues?

Schon jetzt, nach nur wenigen Wochen merken wir es: Wenn die Organsiation des Dringendsten abgeschlossen ist, stellen sich Menschen zunehmend auch grundlegende Fragen. In den Antworten darauf kann der Geist des Neuen entstehen, neue Vorstellungen vom morgen – neue Business Ideen, neue Werte, neue Gesellschaft.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger.

Manches davon ist in diesen Tagen ganz offensichtlich angelegt: Etwa, dass eCommerce und speziell die Lebensmittel-Belieferung einen dauerhaften Schub bekommen könnten. Oder auch die Erkenntnis, dass wir im erzwungenen HomeOffice gerade mehr über NewWork und Remote Work lernen, als in vielen Workshops davor – und sich daher vieles von der Art, wie wir jetzt gerade arbeiten, verselbständigen und Regelbetrieb werden wird.

Anderes ist tiefschürfender.

Wir haben erlebt, dass in der härtesten Zeit Gemeinschaftssinn, Humor, Mitmenschlichkeit, und ein Sinn von Dankbarkeit entstanden sind, die bislang verschüttet waren. Das wird uns auch helfen, wenn wir wieder andere gesellschaftliche Probleme zu lösen haben.

Wir stellen fest, dass Politik evidenzbasiert vorgeht. Die Legitimität von methodisch erhobenen Fakten, von wissenschaftlichem Vorgehen ist rapide angestiegen. Das wird uns auch bei der Bewältigung der Klimakrise helfen.

Wir haben erkannt, wer die wirklich systemrelevanten Positionen besetzt – nämlich Ärztinnen, Sozialarbeiter, Erntehelfer. Das wird uns künftig dabei helfen, Berufe und Entlohungen neu zu bewerten, wenn sich strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt ergeben, etwa durch Digitalisierung.

Wir haben gespürt, wer uns in diesen Tagen unterstützt, zu seinem Wort steht, wer Vetrauen und Zuversicht stiftet, und wo viel beschworene Unternehmenswerte sich tatsächlich bewähren – oder eben auch nur hohle Phrasen geblieben sind. Das wird uns unseren Blick dafür schärfen, was „gute Arbeit“ ausmacht.

Wir erleben, wie sich unsere Wertschätzung für das Einfache steigert, wie Reduktion kein Verzicht, sondern Genuss wird. Das wird uns in der Gestaltung unserer Beziehungen und unseres Konsums helfen.

Wir fühlen uns im Angesicht des Virus hilflos, und erkennen dennoch gerade jetzt, dass in Forschung und Innovation die Lösung zu suchen ist. Das wird uns auch bei der Bewältigung anderer Krisen, wie etwa der Bekämpfung anderer tödlicher Krankheiten helfen.

Ist also doch alles rosa? Keineswegs.

Zwar haben aktuell politische Hetzer und Spalter keine Chance im Medienkonzert Gehör zu finden, dennoch fahren überall die Nationalstaaten ihre Zäune und Mauern hoch. Manchem Faschisten dient Corona als Vorwand zur endgültigen Demontage der Demokratie – wie es etwa Viktor Orban in Ungarn gerade vorführt. Dass der ehemalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker den ungarischen Regierungschef dereinst im Scherz mit „Hallo Diktator“ begrüßte, ist gerade bittere Realität geworden. Während solches bei uns undenkbar erscheint, bietet eine veritable Krise wie Corona natürlich auch politische Möglichkeiten, Freiheit und Bürgerrechte kurzfristig – und möglicherweise auch dauerhaft – zu unterlaufen. Stichworte: BigData, Bewegungsdaten, Netzneutralität.

Corona wird das Narrativ der Zukunft mitbestimmen, das Jahr 2020 wird ein Referenzpunkt sein.

Es wird Erinnerungen an enormes Leid beinhalten, Tausende Tote in Italien, Ärzte, die Triagen durchführen müssen, weil nicht genug Versorgungskapazität vorhanden ist; Erinnerungen an Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens; Erinnerungen an Hamsterkäufe von WC-Papier, und improvisierte Home-Offices. Erinnerungen an eine schwere wirtschaftliche Krise mit hunderttausenden Arbeitslosen und Unternehmen, die als unsinkbar galten und plötzlich an den Rand der Existenz gedrängt wurden.

Wir werden uns aber auch daran erinnern, was plötzlich möglich war. Und staunen, woran wir davor geglaubt haben, welche Vorstellungen wir von der Zukunft hatten. Corona teilt unsere Leben – persönlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich – in ein Davor und ein Danach.

Historische Analogien belegen die Sprengkraft einschneidender Ereignisse. Und geben uns Hoffnung. Nicht selten entsteht nach der Krise unfassbarer Aufschwung – mit neuen Werten.

Die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs fegte nicht nur in ganz Europa monarchische Herrschaftsstrukturen zugunsten junger Demokratien  hinweg, sie war auch Ausgangspunkt einer Blütezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Goldenen 20er in Berlin, die Roaring 20s, les Années Folles drückten sich in Literatur, Malerei, Film & Kino aus, ermöglichten Bauhaus und Jazz, aber bspw. auch die neue, selbstbewußte Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Auf den Horror des Zweiten Weltkriegs folgte nicht nur das Wirtschaftswunder, sondern auch ein zusammenwachsendes Europa und die längste Zeit des Friedens seit Menschengedenken.

Vielleicht wird nach Corona eine neue Sehnsucht nach heiler Welt eintreten, eine Verlängerung des Corocooning in ein neues Biedermeier. Oder eine geradezu extatische Sorglosigkeit, die nach dem Motto „Wir haben das überstanden, was kann uns noch passieren?“ lustvolle Energien freisetzt.

Das kommende Jahrzehnt kann das Düsterste unserer Generation sein. Oder das Beste. Wir legen jetzt den Grundstein für morgen.

Entscheidend ist die Einsicht, dass wir selbst die Weiche stellen, in die eine oder andere Richtung. Darin steckt die wahre Arbeit und Verantwortung für Führungskräfte in diesen Tagen.

Das Wort „Apokalypse“ steht in seiner ursprünglichen, altgriechischen Bedeutung für „Enthüllung“ (wortwörtlich: „Entschleierung“). Schon Martin Luther übersetzte apokalypsis mit „Offenbarung“. Die Zeitenwende ist eben nicht nur Untergang, sondern vor allem ein Neuanfang. Der Corona-Virus überträgt also vor allem den Keim des Neuen. Wenn das keine positive Botschaft ist!

_____

Die anderen vier Gedanken können Sie hier nachlesen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.

Filed under: Business, Future Of Work, Innovation, Leadership, Leitbild, Life, Strategie

Archiv

Impressum und Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.

 

Kontakt: hallo @ franzkuehmayer.com

%d Bloggern gefällt das: