Reflections on work and life.

Gedanken zu Arbeit und Leben. Von Franz Kuehmayer.

Apokalyptische Gedanken – Teil 5: Der Keim des Neuen.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Bisher erschienen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.

Im abschließenden fünften Teil erfahren Sie, warum apokalyptische Gedanken etwas Gutes in sich tragen:

Der Keim des Neuen.

Je länger der Ausnahmezustand, in dem wir uns gerade befinden anhält, umso eher wird die Frage, wie es danach weitergeht abgelöst durch: Ob es danach weitergeht?

In Deutschland gehen Ökonomen davon aus, dass sich die Wirtschaftsleistung gegenwärtig auf 50 Prozent des Normalniveaus befindet. Italien und Spanien sind gar bis aufs Existenzminimum heruntergfahren worden. Was die Coronakrise an volkswirtschaftlichen Kosten verursachen wird, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht einschätzen. „In den Wirtschaftswissenschaften haben wir noch weniger Daten als in der Medizin.“ beklagt der Ökonom Harald Oberhofer. Wir sehen, wie sich die Arbeitslosigkeit in jenen Branchen entwickelt, die ganz direkt betroffen sind, etwa von behördlichen Schließungen, oder traditionell sehr kurzfristig auf Konjunkturschwankungen reagieren, wie etwa die Bauwirtschaft. Aber wie sich indirekte Effekte darstellen; welche Branchen und Unternehmen jetzt noch im Durchhalte-Modus sind, aber zunehmend mit wirtschaftlicher Atemnot kämpfen; wie sich im Lichte einer Re-Lokalisierung von Beschaffungsketten Exporte entwickeln – all das und noch viele weitere Folgen kennen wir noch nicht. Es wird wohl Monate dauern, bis wir das seriös abschätzen können.

Corona – und dann?

Wird jener Teil der Wirtschaftsleistung, die derzeit nicht erbracht wird, für immer dahin sein? Schließlich wird jemand, der jetzt nicht zum Friseur gehen kann, um sich die Haare schneiden zu lassen, später deshalb nicht zweimal gehen. Erleben wir gerade verlorene Monate, als Vorboten einer nachhaltigen Dürreperiode, von der wir uns nur sehr langsam erholen werden?

Oder steht uns in naher Zukunft ein rasantes Wachstum bevor, befeuert vom Nachholbedarf der Krisenzeit. Wird das, was man privat oder als Unternehmen in der Krise nicht in Anspruch nehmen konnte, nachher nicht umso gefragter sein? Event-Veranstalter zeichnen z.B. das Bild von einem sehr eng getakteten Herbst, weil Veranstaltungen, Kongresse von jetzt in Richtung Oktober, November verschoben werden. Niemals schmeckte das Schnitzel besser, als nach der Fastenzeit.

Corona verleiht uns Spielraum. 

Wir können keine abschließende Erzählung der Zukunft nach Corona geben. Das konnten wir in Wahrheit übrigens ohnehin noch nie. Viel spannender ist daher die Frage: Entsteht nicht gerade etwas ganz Neues?

Schon jetzt, nach nur wenigen Wochen merken wir es: Wenn die Organsiation des Dringendsten abgeschlossen ist, stellen sich Menschen zunehmend auch grundlegende Fragen. In den Antworten darauf kann der Geist des Neuen entstehen, neue Vorstellungen vom morgen – neue Business Ideen, neue Werte, neue Gesellschaft.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger.

Manches davon ist in diesen Tagen ganz offensichtlich angelegt: Etwa, dass eCommerce und speziell die Lebensmittel-Belieferung einen dauerhaften Schub bekommen könnten. Oder auch die Erkenntnis, dass wir im erzwungenen HomeOffice gerade mehr über NewWork und Remote Work lernen, als in vielen Workshops davor – und sich daher vieles von der Art, wie wir jetzt gerade arbeiten, verselbständigen und Regelbetrieb werden wird.

Anderes ist tiefschürfender.

Wir haben erlebt, dass in der härtesten Zeit Gemeinschaftssinn, Humor, Mitmenschlichkeit, und ein Sinn von Dankbarkeit entstanden sind, die bislang verschüttet waren. Das wird uns auch helfen, wenn wir wieder andere gesellschaftliche Probleme zu lösen haben.

Wir stellen fest, dass Politik evidenzbasiert vorgeht. Die Legitimität von methodisch erhobenen Fakten, von wissenschaftlichem Vorgehen ist rapide angestiegen. Das wird uns auch bei der Bewältigung der Klimakrise helfen.

Wir haben erkannt, wer die wirklich systemrelevanten Positionen besetzt – nämlich Ärztinnen, Sozialarbeiter, Erntehelfer. Das wird uns künftig dabei helfen, Berufe und Entlohungen neu zu bewerten, wenn sich strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt ergeben, etwa durch Digitalisierung.

Wir haben gespürt, wer uns in diesen Tagen unterstützt, zu seinem Wort steht, wer Vetrauen und Zuversicht stiftet, und wo viel beschworene Unternehmenswerte sich tatsächlich bewähren – oder eben auch nur hohle Phrasen geblieben sind. Das wird uns unseren Blick dafür schärfen, was „gute Arbeit“ ausmacht.

Wir erleben, wie sich unsere Wertschätzung für das Einfache steigert, wie Reduktion kein Verzicht, sondern Genuss wird. Das wird uns in der Gestaltung unserer Beziehungen und unseres Konsums helfen.

Wir fühlen uns im Angesicht des Virus hilflos, und erkennen dennoch gerade jetzt, dass in Forschung und Innovation die Lösung zu suchen ist. Das wird uns auch bei der Bewältigung anderer Krisen, wie etwa der Bekämpfung anderer tödlicher Krankheiten helfen.

Ist also doch alles rosa? Keineswegs.

Zwar haben aktuell politische Hetzer und Spalter keine Chance im Medienkonzert Gehör zu finden, dennoch fahren überall die Nationalstaaten ihre Zäune und Mauern hoch. Manchem Faschisten dient Corona als Vorwand zur endgültigen Demontage der Demokratie – wie es etwa Viktor Orban in Ungarn gerade vorführt. Dass der ehemalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker den ungarischen Regierungschef dereinst im Scherz mit „Hallo Diktator“ begrüßte, ist gerade bittere Realität geworden. Während solches bei uns undenkbar erscheint, bietet eine veritable Krise wie Corona natürlich auch politische Möglichkeiten, Freiheit und Bürgerrechte kurzfristig – und möglicherweise auch dauerhaft – zu unterlaufen. Stichworte: BigData, Bewegungsdaten, Netzneutralität.

Corona wird das Narrativ der Zukunft mitbestimmen, das Jahr 2020 wird ein Referenzpunkt sein.

Es wird Erinnerungen an enormes Leid beinhalten, Tausende Tote in Italien, Ärzte, die Triagen durchführen müssen, weil nicht genug Versorgungskapazität vorhanden ist; Erinnerungen an Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens; Erinnerungen an Hamsterkäufe von WC-Papier, und improvisierte Home-Offices. Erinnerungen an eine schwere wirtschaftliche Krise mit hunderttausenden Arbeitslosen und Unternehmen, die als unsinkbar galten und plötzlich an den Rand der Existenz gedrängt wurden.

Wir werden uns aber auch daran erinnern, was plötzlich möglich war. Und staunen, woran wir davor geglaubt haben, welche Vorstellungen wir von der Zukunft hatten. Corona teilt unsere Leben – persönlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich – in ein Davor und ein Danach.

Historische Analogien belegen die Sprengkraft einschneidender Ereignisse. Und geben uns Hoffnung. Nicht selten entsteht nach der Krise unfassbarer Aufschwung – mit neuen Werten.

Die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs fegte nicht nur in ganz Europa monarchische Herrschaftsstrukturen zugunsten junger Demokratien  hinweg, sie war auch Ausgangspunkt einer Blütezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Goldenen 20er in Berlin, die Roaring 20s, les Années Folles drückten sich in Literatur, Malerei, Film & Kino aus, ermöglichten Bauhaus und Jazz, aber bspw. auch die neue, selbstbewußte Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Auf den Horror des Zweiten Weltkriegs folgte nicht nur das Wirtschaftswunder, sondern auch ein zusammenwachsendes Europa und die längste Zeit des Friedens seit Menschengedenken.

Vielleicht wird nach Corona eine neue Sehnsucht nach heiler Welt eintreten, eine Verlängerung des Corocooning in ein neues Biedermeier. Oder eine geradezu extatische Sorglosigkeit, die nach dem Motto „Wir haben das überstanden, was kann uns noch passieren?“ lustvolle Energien freisetzt.

Das kommende Jahrzehnt kann das Düsterste unserer Generation sein. Oder das Beste. Wir legen jetzt den Grundstein für morgen.

Entscheidend ist die Einsicht, dass wir selbst die Weiche stellen, in die eine oder andere Richtung. Darin steckt die wahre Arbeit und Verantwortung für Führungskräfte in diesen Tagen.

Das Wort „Apokalypse“ steht in seiner ursprünglichen, altgriechischen Bedeutung für „Enthüllung“ (wortwörtlich: „Entschleierung“). Schon Martin Luther übersetzte apokalypsis mit „Offenbarung“. Die Zeitenwende ist eben nicht nur Untergang, sondern vor allem ein Neuanfang. Der Corona-Virus überträgt also vor allem den Keim des Neuen. Wenn das keine positive Botschaft ist!

_____

Die anderen vier Gedanken können Sie hier nachlesen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.

Filed under: Business, Future Of Work, Innovation, Leadership, Leitbild, Life, Strategie

Wissen ist Macht.

Mit diesem Konzept sind die meisten Menschen vertraut. Schließlich wurden wir nach diesem Motto erzogen und auch in der Schule entsprechend sozialisiert: Was in Unternehmen heute Collaboration genannt wird und hoch gefragt ist, hieß im Klassenzimmer schlichtweg Abschreiben, war verpönt und wurde bestraft; denn nur wer mehr weiß als die anderen, bekommt die gute Note.

Die zugrundeliegende Haltung prägt fürs Leben: Wer etwas weiß, ist im Vorteil, daher wird Wissen zurückgehalten und als Machtfaktor zum richtigen Zeitpunkt ausgespielt.

Im Laufe der beruflichen Karriere gräbt sich dieses Muster tiefer ein und entwickelt sich zur Kultur des Information Hiding weiter, die entweder mit machiavellischer Finesse angewendet wird, oder schlichtweg den Alltag in Firmen prägt. Genau daran scheitern Projekte wie etwa CRM-Einführungen oder interne Best-Practice-Austauschplattformen. Immer die gleiche Frage: Wozu soll ich mein Wissen preisgeben, was ist meine Incentive? Der Anreiz, durch Bekanntgabe von eigenem Wissen im Austausch mit anderen insgesamt zu profitieren, reicht offenbar nicht aus.

Allzu leicht sitzen wir dem Irrglauben auf, dass die Kostbarkeit des Wissens sich aus dessen Verknappung ergibt.

Das Gegenteil ist der Fall. Innovation ist immer auch “Abschreiben”, Erkennen von Nützlichem in Bestehenden, Neusortieren von Bekanntem und Neuordnen von Vorhandenem. Das gilt nicht nur für dingliche Innovationen, sondern gerade auch für geistige: Eine gute Idee beruht nicht selten auf dem Vorwissen von jemand anderem, auf dem Weiterführen von Gedankengängen und Fertigspinnen von Gedanken Anderer. 

Leadership-Konsequenz: Damit im Unternehmen Ideen florieren und Innovation gedeiht, muss das Wissen möglichst frei fließen, muss Austausch gefördert und gefordert werden, müssen alte Zurückhaltestrategien aufgebrochen werden. Und zwar hierarchie- und abteilungsübergreifend.

Filed under: DailyLeadership, Innovation, Leadership

Der Wendepunkt

(Dieser Artikel ist ein Beitrag zur Blogparade Innovation)

Ich beschäftige mich aufgrund meiner Tätigkeit in sehr unterschiedlichen Facetten mit dem Thema Innovation. Da ist einmal die Trendforschung, ein wesentlicher Input für viele Innovationsprozesse: Wir gehen gesellschaftlichen und sozio-ökonomischen Strömungen auf den Grund und berichten mit prognostischen Methoden über ihre Auswirkungen auf Märkte, Strukturen und Unternehmen. Da ist zweitens die Unternehmensberatung, bei der wir im Rahmen von Consultingprojekten mit Führungskräften österr. Unternehmen aber auch internationaler Konzerne arbeiten und sie auf dem Weg in ihre unmittelbare Zukunft begleiten: Wir haben somit tiefgreifende praktische Erfahrung damit, wie Top-Manager an das Thema Innovation herangehen. Und last but not least lehre ich an Fachhochschulen, u.a. Innovationsmarketing an der FH Wiener Neustadt, und stehe somit im Diskurs mit der kommenden Managementgeneration.

Und eben der Unterschied zwischen diesen beiden letzten Zielgruppen ist immer wieder spannend und aufschlussreich. Am deutlichsten wird dies anhand einer Übung, die ich sowohl in Workshops mit Unternehmen einsetze, als auch an der FH mit Studenten. Im Wesentlichen geht es dabei um zwei Fragen: 1) Finden Sie – innerhalb eines abgesteckten Themenfeldes – eine Innovation. 2) Beschreiben Sie, warum diese Innovation scheitern wird.

Die erste Frage soll Perspektiven öffnen, die Gedanken weit machen, Kreativität zum Einsatz bringen. Wir wenden unterschiedliche Kreativitätstechniken an, beschäftigen uns mit Suchfeldern, lernen von anderen Beispielen und versuchen auf diese Weise neue, eben innovative Ansätze zu finden. Die zweite Frage soll Hürden aufzeigen, und auf diesem Weg der eben gemachten Innovation den Weg zum Erfolg ebnen. Denn: Innovation = Invention + Exploitation, es reicht also nicht aus, eine gute Idee zu haben, es muss auch gelingen, dieser Idee zum Durchbruch am Markt zu verhelfen.

Das Interessante bei diesen beiden Fragen: Studenten tun sich mit der ersten Frage ganz leicht, sie sprühen vor Kreativität und finden in einer halben Stunde unzählige (und durchaus vielversprechende!) Ideen. Dafür tun sie sich schwer mit der zweiten Frage, ihnen fehlt die Praxis des harten Wirtschaftsalltags, sie können schwer einschätzen, was alles schief gehen kann und wird. Manager dagegen zeigen genau das umgekehrte Verhalten: Sie brauchen vergleichsweise lang, um neue Ansätze und Ideen zu finden, zu eingefahren sind sie bereits in ihren Denkweisen und Annahmen. Dafür können sie aus dem Stand blitzartig eine lange Liste erstellen, warum eine bestimmte Idee sich nicht durchsetzen wird: Budgetfragen, Kompetenzthemen, organisatorische Probleme, der Mitbewerb usw. – die Flipcharts werden da sehr schnell voll.

Warum ich das bemerkenswert finde? Weil es offenbar einen Wendepunkt gibt, an dem eine Nachwuchsführungskraft ihre Kreativität einbüßt und vom Alltag dermaßen vereinnahmt wird, dass ihr Fokus mehr auf Probleme als auf Innovation gelenkt wird. Eben noch kreativ und voller Ideen, und plötzlich (oder schleichend) voller guter Gründe, warum das alles nichts wird.

Natürlich braucht man im unternehmerischen Kontext beide Kompetenzen: Weder eine Hurra-Mentalität, die wie eine junge Katze jeder neuen Idee nachläuft, führt zum Ziel; noch eine destruktive Grundhaltung, die viel zu rasch auf Probleme fokussiert. Denn: Wer zu früh an Probleme (z.B. Kosten) denkt, riskiert die Innovationskraft; wer zu spät daran denkt, riskiert das Unternehmen. Man kann sich das ganze ruhig wie eine Wippe oder Schaukel vorstellen: auf beiden Seiten muss genug Energie vorhanden sein, damit sich etwas tut. Interessant ist, dass in vielen Chefetagen ganz deutlich der Problemfokus vorherrscht, und viele Topmanager es verlernt haben, wirklich kreativ zu sein und neue Ideen zu generieren. Wenn aber eine Führungsmannschaft die beiden notwendigen Kompetenzen nicht in ausbalancierter Form besetzt, sondern mehr oder weniger geschlossen auf der Bremserseite steht, dann ist in der Innovationskultur des Unternehmens sehr schnell der Wurm drin.

Und wie ist das bei Ihnen? Auf welcher Seite der Wippe stehen Sie?

Filed under: Creativity, Innovation, Leadership

Archiv

Impressum und Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.

 

Kontakt: hallo @ franzkuehmayer.com

%d Bloggern gefällt das: