Reflections on work and life.

Gedanken zu Arbeit und Leben. Von Franz Kuehmayer.

Apokalyptische Gedanken – Teil 3: Corona, der ultimative Charakter-Test.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Hier geht’s zu den bereits erschienenen Teilen: 

Heute, Teil 3:

Corona, der ultimative Charakter-Test.

Die Welt ist in den letzten Tagen aus den Fugen geraten. Dabei buchstäblich in der Hauptrolle: Das wie Gold gehandelte WC-Papier als Symbol für eine Rette-sich-wer-kann-Mentalität. Schon wenige Augenblicke später wird uns bewußt, wie absurd diese panikgetriebenen Ego-Trips der Hamsterer sind, und dass die Lösung wohl eher darin besteht, der älteren Nachbarin anzubieten, ihre Einkäufe zu übernehmen, damit sie keinem unnötigen Risiko ausgesetzt ist.

Solidarität schlägt Egoismus. Immer.

Schon vor Beginn des Virus-Ausbruchs konnten wir beobachten, dass Wertewandel, politische Strömungen und wirtschaftliche Verwerfungen eine gesellschaftliche Granularität erzeugt haben, die uns voneinander entfernt. Stand zu Zeiten des Mauerfalls vor 30 Jahren, oder zum Zeitpunkt des EU-Beitritts Österreichs vor 25 Jahren noch in Aussicht, dass die EU ein stärkeres Zusammenwachsen des Kontinents vorantreiben würde, so mehrten sich in letzter Zeit eher Anzeichen eines Auseinanderdriftens. Immer seltener werden die gemeinsamen Errungenschaften gewürdigt. Nicht nur in den USA geht es um „My Country First“, auch in Europa wurden nationale Stimmen lauter. Brexit, Orban, Katalonien. Überall tun sich Risse auf. 

Die Fragmentierung wirkt nicht nur auf der Ebene der Staaten, sie zeigt sich auch in der Arbeitswelt, in der verstärkt Einzigartigkeit zählt. Das Außergewöhnliche, Innovation und Unternehmergeist stehen im Rampenlicht, und damit der Einzelne. Individualisierung ist ein hohes Gut, sie gilt im aufklärerischen Sinne als Ausbruch der Menschen aus ihrem selbstverschuldeten Elend. Es wäre jedoch trügerisch, im Lichte der unbestrittenen Vorteile einer stärker individualisierten Arbeitswelt nicht auch die Schattenseiten zu erkennen. 

Um der Gefahr der Entsolidarisierung zu entgehen, bedarf es daher höherer Anstrengungen, gerade auch auf Seiten der Unternehmen. Denn Arbeit ist mehr als bloße Sicherung ökonomischer Grundlagen – ein Leitsatz, den man in Zeiten einer auf exponentielles Wachstum und Shareholder Value getrimmten Wirtschaftslandschaft nicht oft genug betonen kann. 

Die Corona-Krise ist zu einem Aufwach-Moment geworden, der uns schlagartig die Gefahren der gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte bewußt gemacht hat. 

Wir leben und arbeiten momentan in räumlicher Isolation. Daraus darf keine soziale Isolation werden.

Der in der Krisenkommunikation eifrig verwendete Begriff vom „Social Distancing“ ist extrem irreführend. Natürlich erproben jetzt viele in aller Eile neue Arbeitsformen. Aber wir alle erkennen: Der Schlüssel zum gelungenen Umgang mit Kunden und Partnern liegt nicht in der Technologie. Entscheidend, um gut durch die Krise zu kommen, wird die Veränderung sozialer Verhaltensformen sein.

  • Wenn aktuell täglich um 18 Uhr die Fenster geöffnet und minutenlang jenen applaudiert wird, die nicht im Home Office arbeiten können, sondern an vorderster Front dafür sorgen, dass die kritische Infrastruktur des Landes weiterläuft, ist das ein Ausdruck von Solidarität. 
  • Wenn Unternehmen, die aktuell mit massiven Auftragseinbußen konfrontiert sind, ihre MitarbeiterInnen nicht auf die Straße setzen, sondern an andere Betriebe ausleihen, die zur Bewältigung der Krise händeringend nach Verstärkung suchen, ist das ein Zeichen gelebter Kooperation. 
  • Wenn Firmen auch sonst alles daran setzen, möglichst niemanden zu entlassen, sondern mit Kurzarbeit und anderen Modellen durchzuhalten, zeigt sich unternehmerische Verantwortung.
  • Wenn die üblicherweise im erbitterten Wettstreit zueinenader stehenden Hi-Tech-Giganten wie Amazon, Microsoft und Google sich zusammenschließen, um mit vereinten Kräften ihre BigData-Kompetenz zum besseren Verständnis der Epidemie einsetzen, ist das nicht nur Goodwill.
  • Dass sich auf Social Media reihenweise Vorstände auf geradezu rührende Weise bei Ihren MitarbeiterInnen bedanken, weil sie erkennen, wie tapfer und flexibel von ihnen das Unternehmen trotz aller Widrigkeiten am Laufen gehalten wird, ist ein Signal in Richtung Zusammenhalt. 

Dass Zusammenhalt in der Gesellschaft wichtig ist, ist eben nicht nur ein sozialromantischer Gedanke, sondern entscheidend für unser aller Wohlbefinden und sogar Überleben.

Das gilt für die Zukunft auch in weniger herausfordernden Zeiten, und ist eine Lehre für Führungskräfte. In einer zunehmend fragmentierten (Arbeits-)Welt zählt es zu einer wichtigen Aufgabe von Führungskräften, für mehr Zusammenhalt zu sorgen. Ein Unternehmen, eine Organisation, ist zunächst einmal ein Sozialsystem. Führungsarbeit hat daher vor allem damit zu tun, zu regeln, wie dieses Sozialsystem funktionieren soll, worauf man sich einigt. Da geht es um Identität, Werte, Kultur und damit um Arbeit auf der normativen Ebene.

Ob das, was in wohlklingenden Image-Inseraten und auf Employer-Branding-Websites klangvoll als Unternehmenswerte dargestellt wird auch tatsächlich stimmt — das zeigt sich genau jetzt, im Härtefall. Damit wird auch dem letzten Kritiker klar: Kultur ist eben kein Orchideen-Thema, mit dem man sich beschäftigt, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Jetzt, im strömenden Regen, zeigt sich, dass Arbeit an Führungskultur kein Schönwetter-Programm ist.

Was uns die Krise deutlich vor Augen führt: Die Zeit der Einzelkämpfer und Self-Made-Men ist vorbei. Einem Unternehmen geht es nur dann gut, wenn es auch einer großen Gruppe anderer gut geht – Partnern, Kunden, Mitarbeitern und auch Mitbewerbern. 

Auch nach Corona wird diese Lehre nicht an Bedeutung verlieren, sondern im Gegenteil noch wichtiger werden. Die real digitale Arbeitswelt wird uns auch in Zukunft fordern, näher zu unserer Menschlichkeit vorzudringen. Wie sonst sollten wir uns von Maschinen unterscheiden? 

Ganz besonders gilt das auch auf der persönlichen Ebene. In Zeiten von Krisen werden wir an unsere ureigensten Charaktereigenschaften herangeführt. Jetzt zeigen sich Menschlichkeit, Kooperationsfähigkeit, Handschlag, Vertrauen.

Wir werden uns nicht nur daran erinnern, wie wir Corona bewältigt haben, sondern vor allem: Mit wem. Und daher auch: Mit wem wir unsere Zukunft gestalten wollen. In der Krise wird der Charakter getestet – und Beziehungen gestaltet.

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*) Warum es sich dabei um apokalyptische Gedanken handelt, erfahren Sie im fünften Teil der Serie. Hier geht es zu den bereits erschienenen Beiträgen:

 

 

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Management 2030

In Reaktion auf meine Publikationen zum Thema Zukunft der Arbeit und Unternehmertum hat mich eine Journalistin zu meinen Einschätzungen zu Management im Jahr 2030 gefragt. In klassischer Medien-Manier waren kurze und knackige Antworten auf drei Fragen gefordert. Hier meine Gedanken dazu:

Frage 1 – Welche Manager-Eigenschaften sind 2030 in und welche out?

Top-5 „IN“ Top-5 „OUT“
Einer agilen Organisation Orientierung geben Männliches Hierarchie- & Imponiergehabe
Robustheit im Umgang mit Komplexität und Ambiguität Kontrollhybris über scheinbar lineare Zusammenhänge
Rapid Response Planung & Kontrolle
Offenheit und Transparenz nach innen und aussen Manipulativ politisches Agieren
Sinn stiften durch persönliche Integrität und Wertvorstellungen Bullshit-Bingo-Leitbilder

Frage 2 – Mit wieviel Widerstand rechnen Sie von den traditionellen Managereliten?

Der Widerstand bröckelt bereits jetzt – vergleichbar einem Riss in einem Staudamm. Der heute noch spürbare Widerstand ist das letzte Aufbäumen von Vorstellungen einer industriellen Wirtschaftsstruktur. Mit dem rasanten Fortschreiten der Wissens- und Kreativwirtschaft werden auch die Unzulänglichkeiten dieser Haltungen immer offensichtlicher und verlieren somit rasch an Energie.

Frage 3 – Wenn Sie die europäische Länder vergleichen: Welches Land wird Ihrer Meinung nach den Umbau schneller schaffen und warum?

Bis 2030 wird diese Frage – hoffentlich – irrelevant sein, weil wir Manager nicht mehr nach ihrer Herkunft beurteilen und insbesondere innerhalb von Europa so eng miteinander vernetzt arbeiten, dass wir auch rasch voneinander lernen.

Filed under: Business, Leadership, Leitbild, Zukunft

Wem kann man denn heute noch trauen?

Die Headline dieses Artikels ist ein Zitat: Es ist von einer Leserin als Antwort auf meine aktuelle Kolumne im Karriere-Teil der Tageszeitung „Die Presse“ gepostet worden. In dieser Kolumne versuche ich eine Lanze für ein Führungsprinzip zu brechen, das auf Vertrauen aufbaut. Der überaus pessimistische Kommentar der Leserin enttäuscht da. Allerdings ist er keine Einzelmeinung, das Zitat ist in dieser oder ähnlicher Form recht gängig, wenn man über Vertrauen spricht.

Und doch ist es schon aus innerer Logik heraus zu verwerfen.

Nehmen wir für einen Moment lang an, dass tatsächlich niemandem zu trauen wäre. Dann wäre eine geeignete Reaktion, den Versuch zu starten, jedem Mitarbeiter, jedem Kunden, jedem Lieferanten, jedem Partner von vornherein nur mit Misstrauen zu begegnen. Die logische Konsequenz wäre, für all diese am Unternehmensgeschehen beteiligten Menschen und alle von ihnen ausgelösten Geschäftsfälle ein minutiöses Instrumentarium an Kontrollmechanismen aufzubringen und zu betreiben. Schon allein die Vorstellung der Komplexität dahinter wirkt abschreckend. Wie in meiner Kolumne auch ausgeführt, würde ein solches Vorgehen zu einem völligen Fokus auf die Kontrollebene führen, und damit das eigentliche wirtschaftliche Handeln des Unternehmens in den Hintergrund drängen. Pointiert gesagt: Es wird nur noch kontrolliert, aber niemand weiss mehr, wozu eigentlich.

Ganz abgesehen davon, dass jene Menschen, denen nicht zu trauen wäre (also: alle!) ja selbst wiederum alles daran setzen würden, die Kontrollmechanismen auszuhebeln.

Die Absurdität dieses Gedankens führt zum logischen Schluss: Vertrauen ist schlichtweg praktisch. Und schon alleine daher ein sinnvoller Grundsatz (von humanistischen Überlegungen ganz abgesehen).

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Impressum und Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.

 

Kontakt: hallo @ franzkuehmayer.com

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