Reflections on work and life.

Gedanken zu Arbeit und Leben. Von Franz Kuehmayer.

Vater-Karenz

Es ist jetzt ein paar Tage her, dass ich nach mehreren Papa-Monaten wieder ins Business-Leben eingestiegen bin. Die häufigste Frage, die ich aktuell von Freunden und Geschäftspartnern dazu bekomme ist: „Und, wie war’s?“

Die kurze Antwort dazu lautet: „Großartig! Wirklich großartig“. Es gibt aber deutlich mehr und substantielleres zur Vater-Karenz zu sagen.

Was natürlich ganz am Anfang einer Rückschau auf meine Karenzzeit steht, an oberster Stelle, völlig unbestritten, ist dieses unfassbare Glücksgefühl, das unser Sohn auslöst. Und wenn dieses Glücksgefühl nicht nur der kurze Augenblick ist, wenn Papa nach einem langen Arbeitstag nach Hause kommt und vom kleinen Mann angestrahlt wird, sondern sich über Tage und Wochen und Monate erstreckt, die man miteinander zubringt, dann ist das wirklich unfassbar schön. Trotz aller Belastungen, die Vatersein mit sich bringt (schlaflose Nächte wären da zum Beispiel zu erwähnen): Vatersein ist mit absolut nichts im Leben vergleichbar!

Die letzten Monate waren ein absolutes echtes Highlight in meinem Leben, eine wirklich wunderbare Zeit.

Ich habe unserem Sohn jeden Tag bei seiner Entwicklung zusehen können, ihn begleiten können, und darüber gestaunt, wieviel sich da in ganz kurzer Zeit tut.

Auch unsere Beziehung hat sich in diesen Monaten spektakulär entwickelt. Ist ja auch kein Wunder. Zuvor war ich derjenige, der morgens und abends und am Wochenende da ist, und nun derjenige, der den ganzen Tag und zwar jeden Tag da ist. Natürlich hat das massiven Einfluss auf die Vater-Sohn-Beziehung und alleine dafür hat sich die Zeit gelohnt.

Neben diesem großartigen Gefühl habe ich auch vier substantielle Erkenntnisse aus der Zeit mitgenommen:

1. Kompetenzerweiterung

Da sind zunächst einmal ganz operative Erkenntnisse, die sich als Kompetenzerweiterung auch auf das Arbeitsleben übertragen lassen. 

Ich gestehe, dass ich vor Beginn meiner Vaterkarenz schon die Hoffnung hatte, dass mir tagsüber auch ein wenig Zeit für mich persönlich bleiben würde. Für den Bücherstapel auf meinem Tisch, der während der Arbeitszeit immer nur höher wird; für etwas mehr Sport; und für ein paar notwendige private Organisationsaufgaben, die liegen geblieben waren. Das war der Plan. Aber das war natürlich eine naive Illusion, denn:

Lektion 1 als Vater: Kein Plan übersteht den ersten Baby-Kontakt.

Ein Kleinkind zu betreuen ist ein Fulltime-Job. Solange der Knirps wach ist, fordert er 100% Aufmerksamkeit.

Man hat kaum Zeit für irgendwas nebenbei. Am Anfang ist mir das recht belastend vorgekommen, man kommt weder zu dem, was man selbst tun wollte, noch dazu, dem Kind volle Aufmerksamkeit zu schenken, weil man gedanklich woanders ist und eigentlich gerade etwas anderes machen will. Dieser interne Konflikt hat mich anfangs belastet, bis mir dann die Erkenntnis gekommen ist, dass diese zwingende Vereinnahmung eigentlich ein wunderbares Geschenk ist.

In einer Welt, die ohnehin ständig um meine Aufmerksamkeit ringt, gibt es plötzlich diese unentrinnbare Gravitation meines Sohnes, die mich völlig fokussiert werden läßt. 100% präsent zu sein, ganz im Augenblick zu sein. Keine Ablenkungen. Perfekt!

Das ist eine wahre Lektion in Fokussierung, in Priorisierung, in Loslassen-Können von Dingen, die nicht wichtig sind, zumindest nicht im Augenblick.

Dazu kommt: Mit einem Kleinkind ist ein enormes Maß an Multitasking und Agilität gefragt. Dagegen sind die aus Assessment Centern bekannten „Postkorbübungen“ zur gezielten Überlastung von KandidatInnen ein Klacks. Man lernt auf ganz notwendige Art und Weise die richtige Balance zwischen Planung und Flexibilität, zwischen strikten Policies und losen Richlinien, zwischen Disziplin und Spontaneität. Und last but not least, man lernt, wie man eben doch zu den Dingen kommt, die man persönlich tun will. Wie man den 5-Minuten-Slot hier und die 15-Minuten-Schlafpause des kleinen Mannes da für sich selbst nutzen kann.

Also insgesamt, erste Erkenntnis: Karenz ist ein ausgezeichnetes Training für vieles, was man auch im Beruf jeden Tag braucht. Agilität, Priorisierung, Dispziplin, Flexibilität, alles das hat man als Führungskraft ohnehin gelernt und glaubt, darin souverän zu sein, aber alles das wird nochmals auf ganz selbstverständliche und intensive Weise nachgeschärft. Mein kleiner Sohn hat mir nochmals eine sehr gute Auffrischung meiner Arbeitstechniken verpasst.

2. Prioritäten.

Es geht ja nicht nur darum, die Dinge richtig zu tun, sondern vor allem: Die richtigen Dinge zu tun.

Meine Karenzzeit ist mit dem heissesten Sommer in der Geschichte zusammengefallen. Er war geprägt von zahlreichen Hitzewellen und starken Gegensätzen: Massive Dürre hier, Starkregen, Überflutungen und Verwüstungen an anderer Stelle. Fachleute sind sich einig, dass extreme Hitzesommer wie der diesjährige die Regel werden, ein Vorbote sind auf den sich beschleunigenden Klimawandel.

Der Sommer 2022 war also auch in dieser Hinsicht ein Blick in die Zukunft. Eine Zukunft, in der unser Sohn leben wird, und eine Zukunft, deren Gestaltung in der Verantwortung meiner Generation liegt.

Ein Kind zu haben, ist ein massiver Verstärker des eigenen Verantwortungsgefühls. Man denkt eben nicht mehr nur im Horizont des eigenen Lebens, sondern weit darüber hinaus.

Natürlich muss man keine Kinder haben oder in Karenz gehen, um ganz ernsthafte Überlegungen in Richtung Nachhaltigkeit anzustreben, aber ich kann für mich sagen: Bei mir hat das einen ordentlichen Boost ausgelöst.

Mir ist klar geworden, dass Klimawandel in meiner täglichen Praxis – abgesehen vom ohnehin offensichtlichen, wie Energie sparen und Fleischkonsum reduzieren – noch viel zu abstrakt ist und ich werde die nächsten Monate damit zubringen, sowohl privat wie auch beruflich entsprechende Maßnahmen einzuleiten.

Erkenntnis Nummer 2 also: Karenz führt zu Perspektivenwechsel. Dieser neue oder doch zumindest geschärfte Blickwinkel gilt im Bereich der Nachhaltigkeit, verschiebt aber auch in anderen Themen den Horizont der Handlungen, bei Ernährung, bei Sport, bei Gesundheit und vielen anderen.

3. Unser Leben ist soviel mehr als Arbeit.

Die zentralen Thema meiner Forschung drehen sich ja um die Zukunft der Arbeit. Ich schätze den Wert der Arbeit sehr hoch als insgesamt sinnstiftendes und befriedigendes Element des menschlichen Lebens.

Dass wir diesem sehr umfangreichen und eben auch sehr wichtigen Teil unseres Lebens viel, aber nicht ZU viel Bedeutung zumessen sollten, das ist dritte Erkenntnis aus meiner Karenzzeit. 

In diesen Monaten ist in meinem Leben zu Hause viel mehr passiert als in meinem Unternehmen ohne mich. Jeden Tag hat sich unser Sohn ein bisschen weiterentwickelt, und haben wir haben gemeinsam unvergessliche Erinnerungen gesammelt. Wie unendlich schade wäre es gewesen, das wegen einiger e-Mails oder Meetings zu verpassen. 

Wir müssen uns vielleicht eine Spur öfter daran erinnern, dass – vor allem in großen Unternehmen – jeder nützlich ist, aber niemand unersetzlich. Wir alle werden eines Tages an unseren Arbeitsplätzen ersetzt werden, sei es wenn wir einen anderen Job annehmen, sei es, wenn wir in den Ruhestand gehen oder sei es ultimativ wenn wir sterben. Das Unternehmen wird das aushalten, egal an welcher Position wir sind – einfacher Mitarbeiter, mittleres Management oder Geschäftsführerin.

Wir sind nicht so wichtig, wie wir vielleicht denken. Außer für den kleinen Menschen, der zu uns Papa oder Mama sagt.

Diese Erkenntnis ist übrigens auch gültig, selbst wenn Sie keine Kinder haben – für die Menschen in ihrem Leben, für ihre Familie, ihre Freunde, sind Sie soviel wichtiger als für Ihr Unternehmen. Machen Sie sich das immer wieder bewußt und: Handeln Sie entsprechend, vor allem im Einsatz ihrer persönlichen Ressourcen Zeit und Energie.

4. Zeit, Geld und Rollenbilder

Zeit ist im Leben mehr wert als Geld, aber ohne Geld läßt sich halt Zeit schwer frei gestalten. Das ist natürlich keine sonderlich erfrischende Erkenntnis, sondern eher eine Binsenweisheit aus dem Kapitel der Kalendersprüche. 

Wenn ich hier über meine Zeit in der Papakarenz spreche, dann ist mir völlig klar, dass schon alleine die Möglichkeit dazu zu haben, keineswegs selbstverständlich ist, sondern im Gegenteil eine Errungenschaft progressiver Gesellschaften und eine Chance, die sich nur in ökonomisch wohlständischen Strukturen ergibt.

Nur in weniger als der Hälfte der Länder Erde gibt es das Prinzip der bezahlten Karenz überhaupt, der Großteil davon gewährt nur sehr kurze Elternzeiten und auch das vornehmlich für Mütter. Es ist also schon mal ein enormes Privileg, in einem Land zu leben, das Väterkarenz überhaupt möglich macht. In Österreich existiert dieses Recht übrigens nicht erst seit kurzem, sondern seit 30 Jahren. Dennoch ist Kinderbetreuung in der Praxis immer noch überwiegend Frauensache – nur 5% der Väter nehmen Papakarenz in Anspruch, und weitere 5% haben ihre Arbeitszeit verringert, um ihre Kinder zu betreuen. Das heißt, dass 90% aller Väter dieses Privileg des Sozialstaates nicht Anspruch nehmen, obwohl sie es könnten. 

Viel zu wenige Männer verbringen viel Zeit mit ihren Kindern. Väterkarenz führt weiterhin ein Schattendasein.

In meiner Wahrnehmung gibt es dafür drei Gründe:

Erstens, tradierte Rollen- und Karrierebilder. Natürlich gibt es einen seit langem wirksamen gesellschaftlichen Trend in Richtung Gender Equality, wir beschreiben ja auch in der Trendforschung diesen Megatrend, aber Wertevorstellungen ändern sich nur langsam.

Ein zweiter Grund ist ganz real in Karrierepfaden und Gehaltsschemata zu finden. Dass man die beiden Worte „Kind“ und „Karrierkiller“ in unzähligen Artikeln gemeinsam findet, ist leider keine sensationslüsterne Journalistik, sondern nüchterne Tatsache.

Ein Beispiel: Es kehren bis zum 15. Lebensjahr des Kindes nur knapp 70% aller Frauen wieder ins Arbeitsleben zurück und unter diesen 70% der erwerbstätigen Mütter liegt die Teilzeitquote bei 75%.

Bei Männern ist es dagegen genau umgekehrt: Es sind mehr Väter vollzeitbeschäftigt als Männer insgesamt! Und: Je besser der Mann verdient, umso kürzer fällt die Vaterkarenz aus. Auch heute noch gibt also der Vater beruflich Vollgas, weil – oder damit ?! – die Frau zu Hause bleibt oder maximal Teilzeit arbeitet. Damit manifestiert sich das Rollenbild noch weiter.

Arbeitszeit ist das eine, Karriere-Entwicklung ist das andere. Und diese beiden Seiten spielen zusammen, und ergeben einen familienpolitisch grundfalschen Mix: Männer mit Kindern verdienen im Grunde gleichviel wie Männer ohne Kinder, wohingegen Frauen einerseits schon von vornherein weniger als Männer verdienen, und andererseits Frauen mit Kindern nochmals weniger Einkommen erzielen als Frauen ohne Kinder.

Es gibt also viel zu tun, und das ist ein Wake-Up-Call für Unternehmen, Familienpolitik ist nicht nur Sache des Staates, sondern ganz operativ der Betriebe: Wie gut steht es um die Vereinbarkeit von Arbeit und Familienleben, gibt es Kinderbetreuungsangebote, ist Teilzeitarbeit ein Abstellgleis oder sind auch praktisch alle Jobs – alle! auch Führungsjobs! – in Teilzeit möglich, ist es völlig selbstverständlich, dass der Vorstand um 14 Uhr seine Tochter aus dem Kindergarten abholt – und zwar jeden Tag usw. usw. Das Portfolio ist riesengroß, und vor allem nicht nur mit HR-Angeboten zu bestücken, denn es liegt – wie so oft – auch und vor allem an der Kultur.  

Der dritte Grund, warum Väter zu selten in Karenz gehen ist jener, den ich vorhin schon angesprochen habe: Allzuviele Männer können es sich ganz abstrakt nicht vorstellen, Beruf und Karriere eine andere Priorität zuzuweisen, als ihren Kindern. Diese Vorstellung wird natürlich verstärkt durch die beiden erstgenannten Faktoren: Wenn Männer erleben, dass sozusagen nicht einmal für Frauen, die traditionell die Kinderarbeit übernehmen, ausreichend gute Unterstützungsangebote vorhanden sind, und Karrieren völlig selbstverständlich ganz normal weitergehen können, wie soll es dann für den „Sonderfall“ sein, wenn der Mann Vater in Karenz geht? Gekoppelt mit der Tatsache, dass aufgrund der geschlechtsspezifischen Gehaltsschere Männer einen größeren Teil zum Familieneinkommen beitragen und dem ohnehin männlichem Selbstverständnis der Unersetzbarkeit im Beruf führt das zu der aktuellen Situation.

Also, vierte Erkenntnis: Liebe Geschlechtsgenossen: Nehmt lieber nicht Euch selbst im Beruf so wichtig, sondern lieber Eure Familien. Und liebe Unternehmen: Tut was. Denn wenn es so weitergeht, dann bleibt es beim aktuellen Zustand und der Tatsache, dass alles andere dürre Floskeln sind. 

Der Blick nach vorne

Die New York Times hat einen Artikel zum Thema mit der Schlagzeile „Paternity Leave Has Long-Lasting Benefits. So Why Don’t More Men Take It?“ betitelt. Ich kann dazu aus eigener Erfahrung nur sagen: Nicht nur, dass ich selbst keine Minute dieser Zeit missen möchte; nicht nur, dass es unserem Sohn und unserer kleinen Familie enorm gut getan hat – es war auch eine wirklich sinnvolle Investition in die Zukunft. In die Zukunft unseres Kindes, unserer Ehe und auch in meine eigene Zukunft, persönlich und beruflich. Ich mag jedem werdenden Vater zu 100% dazu raten und ich werde mich in Zukunft auch im Rahmen meiner eigenen Forschung und Beratung viel stärker mit dem Themenkomplex Familie und Arbeit beschäftigen.

Filed under: Business, Future Of Work, Leadership, Life, Zukunft

Jahreswechsel, und der Sinn des Lebens.

2020 – Wie kann man auf dieses Jahr zurückblicken, ohne zu sagen: Früher war alles besser.

Schließlich hat uns das zu Ende gehende Jahr wirklich einiges abgefordert, beruflich, privat, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Dieses Jahr hat viele Entbehrungen mit sich gebracht, daher gibt es eine Sehnsucht danach, dass es doch irgendwann – und zwar bitte möglichst bald! – wieder so sein möge, wie damals.

Damals, als wir noch reisen konnten.
Damals, als wir unsere Freude treffen konnten, und sogar in den Arm nehmen.
Damals als wir nicht voller Sorge um unsere eigene Gesundheit, unsere Mitmenschen, unsere Arbeitsplätze und Betriebe waren.

Die Sehnsucht nach der Normalität: Sie ist nachvollziehbar, aber sie verklärt natürlich – wie immer, wenn der Satz fällt, dass es früher besser gewesen sei. Sie verklärt und vernebelt vor allem die Tatsache, dass die Zeit auch früher nicht normal war. Dass wir auch ohne Corona Bruchlinien in unserer Realität vorgefunden haben.

Auch ohne diese Epidemie war klar, dass es so nicht weitergehen kann: Dass wir neue Antworten auf die Balance zwischen Ökonomie und Ökologie brauchen; dass immer mehr Menschen eine andere Vorstellung davon haben, was gelungene Karrieren ausmacht und wir daher als Arbeitgeber und Führungskräfte gefordert sind; dass Digitalisierung nicht nur Wertschöpfungsmodelle erschüttert, sondern sogar unsere Daseinsberechtigung als Menschen in der Arbeitswelt in Frage stellt; dass in unseren Gesellschaften die Polarisierung zunimmt und wir uns auf die Suche nach neuen Gemeinsamkeiten oder zumindest dem Wiederentdecken von alten Gemeinsamkeiten machen müssen; dass wir Europa neu definieren müssen, weil wir innere Spannungen von Brexit bis Ungarn auszugleichen haben, und weil von aussen die Frage nach der Rolle Europas im globalen Kontext gestellt wird.

Die Liste ist lang, und man könnte sie noch weiter ergänzen und fortführen, denn da gibt’s noch vieles mehr, das auch schon vor dem März 2020 auf der Agenda gestanden ist. Und es ist nicht nur viel, es ist auch ziemlich heftig, die Aufgabenstellungen auf dieser Liste sind keineswegs einfach zu lösen.

Also auch vor Corona war nicht alles normal.

Früher war nicht alles besser. Früher war einfach nur früher.
Und die gute alte Zeit ist bei kritischer Beschau vor allem: alt.

Der Blick zurück hilft uns nur dann, wenn wir sehr differenziert beurteilen, was von damals erhaltenswert ist, was wir vor starken Veränderungen beschützen wollen, was wir in die Zukunft mitnehmen möchten.

Blicken wir also nach vorne. Und stellen wir sinngemäß die gleiche Frage, wie eingangs:

Wie kann man auf das kommende Jahr blicken, ohne zu sagen: Es wird alles besser?

Denn so wie die Nostalgie, die zurückblickt, verklärt, so verklärt auch die Hoffnung, die nach vorne blickt.

Sie hofft auf das Ende des Lockdowns, weil dann wieder der fröhliche Alltag einkehrt. Sie hofft die baldige Impfung herbei, weil damit die Pandemie besiegt sein wird. Sie hofft auf die Amtsübernahme von Joe Biden, weil damit wieder Vernunft in die U.S.Politik einkehren wird.

Die Hoffnung ist damit auf die gleiche Art und Weise naiv, wie die Erinnerung.

Beide gedanklichen Richtungen sind in ihrer Naivität wichtig, nicht zuletzt, weil sie uns helfen, Widrigkeiten die wir erlebt haben, oder die wir noch antizipieren, auszublenden, weil sie uns damit stützen, uns Energie und Zuversicht spenden. Ganz besonders die nach vorne gerichtete Hoffnung hat diese Kraft.

Aber unser Denken und unser Sehnen darf nie auf Vollständigkeit ausgerichtet sein, nicht auf einen bestimmten Augenblick, ab dem alles besser sein wird. Denn natürlich stellt sich in der Realität niemals die Erlösung ein, die wir mit der Hoffnung verknüpfen.

In unserem Leben wird auch nach dem Ende des Lockdowns nicht alles nur eitel Wonne sein, es wird auch künftig die Mühsal des Alltags beinhalten; auch nach der breitflächigen Verfügbarkeit der Impfung wird die Corona-Krise nicht schlagartig überwunden sein; die US Politik wird uns auch künftig herausfordern und irritieren. Und so weiter.

Klar, man kann sich bestimmte Ereignisse herbeiwünschen und daraus eine Verbesserung des Status Quo ableiten. Aber selbst ein Lotto-6er macht den Gewinner nicht grenzenlos glücklich und sorgenfrei.

Irgendwas ist ja immer.

Das darf uns nicht davon abbringen, nach vorne zu blicken und zu streben. Im Gegenteil.

Anzuerkennen, dass unser Leben eine Herausforderung ist und immer bleiben wird, auch nach Corona, nach Joe Biden, nach dem Lotto-6er, die Tatsache annehmen zu können, dass unser Dasein immer aus Ambition und Bemühen, aus Gelingen und auch aus Scheitern besteht, aber niemals aus Vollständigkeit – das anzuerkennen, ist ein wichtiger Reifeprozess.

Und es ist eine unglaublich erquickliche Botschaft. Denn sie befreit uns vor dem Gedanken an ein unentrinnbares Schicksal und befeuert unseren Antrieb, etwas zu unternehmen.

Es gibt den Faust’schen Moment nicht, und es gibt ihn glücklicherweise nicht. Wir sind ewig Suchende.

Der Sinn des Lebens ist nicht die Vollständigkeit, sondern die Unvollständigkeit. Was uns vorantreibt, ist nicht der Gedanke daran, dass es den einen erfüllenden Tag in unserem Leben gibt, der uns glücklich macht. Sondern, was uns antreibt, das ist die Zuversicht, dass morgen ein besserer Tag sein kann als heute. Und dass das für Übermorgen aufs Neue gilt.

Dass wir uns entwickeln können, wachsen können, lernen – dass wir gestalten können. Jeden Tag, immer wieder.

Als Trendforscher werde ich häufig und gerade auch zum Jahreswechsel immer wieder gefragt: Wie ist das, wenn Sie an morgen denken: Sind sie da Optimist oder Pessimist? Und meine Antwort lautet immer: Weder noch – ich bin Possibilist. Ich glaube daran, dass es Möglichkeiten gibt.

Ich bin kein Optimist, weil ich nicht daran glaube, dass die Welt von alleine besser wird. Und ich bin kein Pessimist, denn die Welt wird auch nicht automatisch schlechter. Zukunft wird gemacht, und sie ist nicht alternativlos.

Ich bin Possibilist, die Welt läßt sich gestalten, sie bietet uns Handlungsspielräume, Chancen und Möglichkeiten. Jeder Tag bringt solche Möglichkeiten. Jeder einzelne Tag.

Das Jahr 2021 hat 365 davon. Nutzen wir sie!

Alles Gute zum Neuen Jahr.

Filed under: Leadership, Life, Zukunft

Was ist positiv an Corona? 5 Anregungen.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen.

Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können Führungskräfte durch diesen Tsunami leiten und sie auf eine neue Zukunft einstellen?

Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.
  5. Der Keim des Neuen

Bleiben Sie gesund – und zuversichtlich!

Filed under: Business, Entrepreneurship, Future Of Work, Leadership, Leitbild, Life, Strategie

Archiv

Impressum und Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.

 

Kontakt: hallo @ franzkuehmayer.com

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