Reflections on work and life.

Gedanken zu Arbeit und Leben. Von Franz Kuehmayer.

Weltenbrand und Morgenröte

Wir sind nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig. Wir können etwas tun. Diese Überzeugung ist auch unter dem apokalyptischen Eindruck des Krieges ungebrochen – ja, geradezu im Gegenteil, sie ist stärker als je zuvor. Denn so sprachlos uns die Katastrophe in der Ukraine macht, sie darf uns nicht tatenlos werden lassen. Jetzt sofort. Aber auch langfristig. Denn der Feuerschein des Krieges kann den Weltenbrand auslösen, oder eine neue Morgenröte sein.

Ich habe mir Zurückhaltung auferlegt, etwas zu dem Krieg in der Ukraine zu sagen. Zu sehr bin ich selbst erschüttert und zu schal und belanglos erscheinen mir Worte im Lichte dieser menschlichen Katastrophe. Ich weiß aus Gesprächen mit Freunden, Bekannten, Kunden und Geschäfspartnern, dass es vielen so geht in diesen Tagen.

Aber unsere erste Reaktion der völligen Fassungslosigkeit darf uns nicht auf Dauer vereinnahmen und in Zaum halten. 

Ich habe ich stets dem Possibilismus das Wort geredet – der festen Überzeugung, dass wir Gestalter sind, Möglichmacher, dass wir die Zukunft und unser Schicksal formen. Diese Überzeugung ist auch im Angesicht des Krieges in der Ukraine ungebrochen, im Gegenteil, sie ist stärker als je zuvor.

Das blanke Entsetzen.

Ich habe gestern mit einer Stammhörerin meines Podcasts telefoniert. Sie ist Managerin in einem internationalen Konzern, der ein Kunde von mir ist und sein Eastern Europe Headquarter hier in Wien hat. Diese Firma hat Niederlassungen auch in Russland und in der Ukraine. Das Büro in Russland wird zugesperrt, die Managerin ist grade dabei, das abzuwickeln. Aber vor allem sind sie und ihr Team damit beschäftigt, die Familien der Mitarbeiter in der Ukraine zu kontaktieren, zu versorgen und auch zu evakuieren, und ihnen im sicheren Ausland Unterkunft und auch Perspektive zu geben. Und zwar nur die Frauen und die Kinder, denn die Männer dürfen nicht ausreisen, sondern müssen im Krieg kämpfen.

Es ist so unfassbar. Es ist ein Albtraum.

Ich bin entsetzt über das Elend, das der Krieg auslöst, über das Leid, das Tyrannen über Menschen bringen können.

Bei mir hat dieses Entsetzen durchaus Sprachlosigkeit ausgelöst. Dabei geht es nicht nur um das Ringen um die richtigen Worte, ob ich zu dieser entsetzlichen Lage noch etwas Kluges sagen könnte, etwas noch nicht Gesagtes. Sondern daran, überhaupt etwas sagen zu wollen und zu können.

Denn der Krieg hat auch das Nachrichten- und Kommentar-Geschäft ohnehin auf unfassbare Weise beschleunigt und verstärkt. Im Irak-Krieg, mit seinen embedded journalists, waren wir erstmals ständige Zeugen des Irrsins des Krieges, live dabei. In der vernetzten, mit mobilen Devices ausgestatteten Welt von heute braucht es nicht mal mehr Kriegsberichterstatter, wir sind nicht nur live dabei, sondern mitten drin.

Zumindest in der Bilderwelt, der sich so mancher kaum noch entziehen kann. Aber natürlich sind wir nicht wirklich mitten drin, auch wenn der Krieg so nahe an unsere Heimat gekommen ist, wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Selbst wenn wir hier in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz oder überhaupt im sogenannten Westen politische und wirtschaftliche Folgen erleben, so sind wir hier dennoch nicht die Betroffenen — die wirklich Betroffenen, das sind selbstverständlich die Menschen in der Ukraine, denen gerade die Städte und Häuser zerbombt werden und deren Leben auf dem Spiel steht, und es sind jene Menschen, die aus dem Kriegsgebiet fliehen, fliehen müssen, ihr Hab und Gut und auch ihre Lieben zurücklassen müssen. Das sind die Betroffenen.

Die Stunde der Taten.

Diese Betroffenheit braucht keine Worte, sie braucht Taten. Die Menschen in der Ukraine, aber auch die Menschen in Russland, die unter der Diktatur leiden, brauchen keine Kommentare, sondern Hilfe. Das ist das Gebot der Stunde.

Meine Bitte an Sie alle ist: Was auch immer Sie tun können, wo auch immer Sie sich einbringen können, um zu helfen: Tun Sie es, und tun sie es jetzt. Tun Sie es privat, als Bürgerin und Bürger, tun sie es aber auch im Rahmen ihrer beruflichen Einflussmöglichkeiten. Sei es durch Spenden, durch aktive Tatkraft, durch Unterkünfte, durch Hilfsgüter, tun sie es zur Unterstützung der Millionen Geflohenen, tun sie es zur Unterstützung der Menschen vor Ort – egal, was, aber bitte tun Sie etwas.

Unsere Sprachlosigkeit darf nicht in Tatenlosigkeit münden, der Schrecken, der in uns gefahren ist, muss im Gegenteil neue Energien freisetzen. Jetzt, sofort, kurzfristig. 

Ein Albtraum aus vergangen geglaubten Zeiten.

Wir müssen aber auch mittel- und langfristig handeln. Und dazu möchte Ihnen Mut machen, und ganz ehrlich: Auch mir selbst Mut machen.

Denn natürlich ist es ein Albtraum, was in der Ukraine passiert. Wie aus längst vergangenen Zeiten. Ich bin noch aus der Generation, deren Eltern und Großeltern zwei Weltkriege erlebt haben, deren Erzählungen und manchmal auch deren Schweigen Bände darüber gesprochen hat, welch unfassbare Gräuel der Krieg mit sich bringt. Und so eindrücklich diese Bände waren, und die Bilder, die sie im Kopf ausgelöst haben, so sehr war es doch ganz klare Vergangenheit. Eine grauenvolle Zeit, aber eine, die hinter ihnen lang und hinter uns lag. 

Die Gegenwart meiner Jugend war das Gleichgewicht des Schreckens, die ständig präsente gegenseitige Bedrohung der bis an die Zähne bewaffneten Atom-Mächte – aber gleichzeitig steckte in dieser Projektion einer möglichen vollständigen Auslöschung auch die perverse Sicherheit, dass eben genau das nicht passieren würde. Den Knopf, der die Apokalypse auslösen würde, den würde niemand drücken, der einigermaßen bei Verstand ist. Das haben wir damals nicht nur geahnt und gehofft, sondern wohl auch als tatsächlich gegeben angenommen. „Der Russe steht vor der Tür“, war damals eine Redewendung — damit hatten wir uns abgefunden, aber auch darin Trost gefunden, dass er zwar ständig vor der Tür steht, aber dort auch bleiben würde.

Geteiltes Europa.

Viel praktischer haben wir die Konsequenz dieser bipolaren Weltordnung im Alltag erlebt, durch die Teilung Europas, durch den eisernen Vorhang. Am Deutlichsten ist das natürlich in Deutschland, und besonders in Berlin zu Tage getreten, aber auch hier in Österreich war das ganz eminent zu spüren. Die Grenze zu dem, was man damals Ostblock nannte, ist nur wenige Kilometer von Wien entfernt. Zwei Meter hohe Stacheldrahtzäune, Minenfelder und Wachtürme. Dahinter begann in meiner Jugend eine andere, eine fremde Welt. Wobei, genauer gesagt, hatte diese Welt schon vor der Grenze ihre Spuren hinterlassen — je näher man Richtung Osten gefahren ist, umso dünner besiedelt war das Land, umso grauer erschien es, umso weniger Straßen, Zugverbindungen, Leben gab es.  Das Land war eindeutig nach Westen ausgerichtet, weg von dem streng bewachten Zaun zu unseren Nachbarn.

Entlang der Grenze, einige Meter auf österreichischer Seite, waren Schilder aufgestellt: „Keine Angst, Sie sind in Österreich, sie sind in Sicherheit.“. Die Schilder galten den wenigen, denen es gelungen war, den eisernen Vorhang auf der Flucht zu überwinden. Ich weiß nicht, ob sich irgendjemand, der heute ganz beiläufig mit dem Zug oder dem Auto über eine Schengengrenze fährt, ohne anzuhalten, ohne Kontrolle, ohne Angst, sich vorstellen kann, was Menschen empfunden haben müssen, die diese Schilder damals gesehen haben.

Diese Teilung war aber nicht nur eine geografische, sondern vor allem eine politische und damit auch eine der Wertung. Hier, im Westen, waren wir natürlich die Guten – dort drüben, im Osten, da herrschte das böse Regime. Selbstverständlich bezog sich diese Wertung nicht auf die Menschen dies- und jenseits der Grenze, ein Urteil war es dennoch. Und damit auch der Grundstein für Identitätsstiftung, für Motivation und Begeisterung.

Ich kann mich noch wirklich lebhaft an die sogenannte Ostöffnung erinnern, daran, dass wir es noch Tage, ja Stunden davor für unmöglich gehalten haben, dann an die Grenzöffnungen, an die symbolischen Akte des Zerschneidens des Zauns durch Politiker, an die Fahrzeugkolonnen, die zum ersten Mal in den Westen gekommen sind, an die Freude der Freiheit, an die die Freude darüber, eine weitgehend friedliche Revolution zu erleben, an den Optimismus, der diese Tage und Jahre geprägt hat, an die Hoffnung, dass nun überwunden sein würde, was uns geteilt hat. Klar, da war einiges an der positiven Emotion naiv, und dass das Zusammenwachsen uns alle fordern würde, und bis heute noch fordert, das gehört zu der Selbstverständlichkeit dieser größeren Schicksalsgemeinschaft, die Europa ist.

Wenn ich das so erzähle, dann klingt auch das wie eine Geschichte aus längst vergangenen Zeiten. Ein unüberwindbarer Gegensatz zwischen dem Westen und dem Osten, Russland als Feindbild, die Teilung Europas, Menschen auf der Flucht vor einem dikatorischen Regime, und vor allem vor den Schrecken des Krieges. All das schien uns bis vor Kurzem fern, in anderen Teilen der Welt noch existierend, aber nicht hier, nicht in Europa, nicht wenige Kilometer von Wien, von Österreich, von Deutschland entfernt.

Unsere Verantwortung. Unsere Erlösung.

Es ist ein Albtraum. Und neben dem Lindern der unmittelbaren Not, die dieser Albtraum ausgelöst hat, liegt unsere Verantwortung darin, sicherzustellen, dass wir aus dem Albtraum erwachen und nie wieder so schlecht träumen.

Possibilismus, das heißt anzuerkennen, dass man zwar nicht allmächtig ist, nicht alle Probleme der Welt lösen kann, ja noch nichtmal alle Probleme in seinem eigenen Einflussbereich lösen kann. 

Aber gleichzeitig auch die Gewissheit zu haben, dass man nicht ohnmächtig ist. Dass wir zwar nicht alle, aber doch manche Dinge bearbeiten können, lösen können. Wir sind nicht allmächtig, aber eben auch nicht ohnmächtig.

Wir sind nicht allmächtig, aber auch nicht ohnmächtig. Wir sind wirkmächtig.

Franz Kühmayer

Das ist der zentrale Satz des Possibilismus, den ich vertrete: Wir sind wirkmächtig. Wir können etwas bewegen. Und es ist unsere Aufgabe, unsere Pflicht, aber auch unsere Erlösung, dass wir das können und dass wir unsere Wirkmacht dazu verwenden, die Welt ein Stück besser zu machen.

Die Konsequenzen des Krieges treffen, wie gesagt, zu allererst die Betroffenen. Keine Frage. Sie treffen aber mittel- und langfristig alle Menschen.

An unseren Gesellschaften und unserem sozialen Zusammenhalt rütteln zum Beispiel die Kriegsgewinnler, die gerade die Rohstoffpreise nach oben treiben, und sich goldene Nasen am Krieg verdienen. Der Krieg beschneidet unsere finanziellen und politischen Freiräume, unsere Zukunft zu gestalten, und uns den wirklich wichtigen Fragen der Menschheit zu widmen. 

Der Krieg führt auch zum Wiederauferstehen der Falken. Jener Militärs und Sicherheitsberater, die endlich den compelling case dafür gefunden haben, Rüstungsbudgets allerorts milliardenschwer aufzublasen. Und damit auch das Potential, uns in einer Konflikthaltung noch weiter zu verfestigen, wieder zurück zum Gleichgewicht des Schreckens zu kommen. Ist das verständlich? Ja klar. Aber ist es hilfreich? 

Die Hoffnung.

Ich habe eine andere Hoffnung, nämlich dass wir uns im Angesicht des Krieges und des Leids, das er auslöst, nicht noch weiter bewaffnen, sondern im Gegenteil, die Friedensbemühungen vorantreiben, den Ausgleich der Interessen. Dass wir nicht Milliarden für noch mehr Waffen flüssig machen, sondern Milliarden für eine fairere, gerechtere Welt, in der es weniger Konflikte gibt. Wir Menschen sind in unserem Schicksal mehr denn je miteinander verbunden.

Wie können wir denn auf der einen Seite von globalen Herausforderungen sprechen, die wir nur global lösen können – wie zum Beispiel der Klimakrise – und uns gleichzeitig in eine permanente Konflikthaltung wie in der Blütezeit des Kalten Krieges zurückversetzen? Wie können wir in die Zukunft blicken, und uns damit abfinden, dass wir 30 Jahre nach dem Niederreissen des Eisernen Zauns einen neuen errichten, fünf/sech-hundert Kilometer weiter östlich? Was hilft es mittel und langfristig in Gut und Böse zu denken und auch zu teilen?

Wir brauchen mehr Kooperation und weniger Konfrontation. Wenn ich über Possibilismus spreche, und über positive Leadership, dann ist das immer eine konkrete, eine pragmatische Perspektive. Es ist niemals esoterisches Geschwurbel, es ist niemals rosa-bebrillte-Wohlfühl-Rhetorik und es ist auch niemals naiv. 

Der Krieg, so apokalyptisch er ist, ist, wie jede Krise, ein Evolutionsbeschleuniger. Er redefiniert das Morgen.

Der Feuerschein des Krieges kann den Weltenbrand auslösen, oder eine neue Morgenröte sein. 

Franz Kühmayer

Wenn wir die Zukunft gestalten wollen, dann müssen wir vor allem von drei Wahrheiten überzeugt sein.

Erstens, dass uns diese Zukunftsgestaltung tatsächlich gelingen kann. Dass wir nicht einem unentrinnbaren Schicksal ausgesetzt sind, dass unsere Lebenswege nicht vorbestimmt sind, sondern dass wir Täter sind, Täter und Schöpfer unserer eigenen Zukunft.

Zweitens, dass uns dieses Erschaffen der Zukunft gemeinsam besser gelingen wird, als alleine. Dass wir nicht nur schöpferische Wesen sind, sondern soziale Wesen, empathische Wesen, dass wir nicht nur miteinander auf der Welt sind, sondern auch füreiander.

Und schließlich drittens, dass wir das nicht nur können, sondern auch sollen, ja geradezu müssen. Dass das unser Auftrag ist. Nicht ein Auftrag, den uns ein höheres Wesen erteilt, sondern jener, den wir uns selbst erteilen. Jeden Tag aufs Neue, in unserem eigenen Interesse und in unserer Verantwortung für die Welt und die Zukunft.

Wir können es. Wir können es gemeinsam. Und wir sollen es.

Tun wir es.

Filed under: Zukunft, , ,

Jahreswechsel, und der Sinn des Lebens.

2020 – Wie kann man auf dieses Jahr zurückblicken, ohne zu sagen: Früher war alles besser.

Schließlich hat uns das zu Ende gehende Jahr wirklich einiges abgefordert, beruflich, privat, gesellschaftlich, wirtschaftlich. Dieses Jahr hat viele Entbehrungen mit sich gebracht, daher gibt es eine Sehnsucht danach, dass es doch irgendwann – und zwar bitte möglichst bald! – wieder so sein möge, wie damals.

Damals, als wir noch reisen konnten.
Damals, als wir unsere Freude treffen konnten, und sogar in den Arm nehmen.
Damals als wir nicht voller Sorge um unsere eigene Gesundheit, unsere Mitmenschen, unsere Arbeitsplätze und Betriebe waren.

Die Sehnsucht nach der Normalität: Sie ist nachvollziehbar, aber sie verklärt natürlich – wie immer, wenn der Satz fällt, dass es früher besser gewesen sei. Sie verklärt und vernebelt vor allem die Tatsache, dass die Zeit auch früher nicht normal war. Dass wir auch ohne Corona Bruchlinien in unserer Realität vorgefunden haben.

Auch ohne diese Epidemie war klar, dass es so nicht weitergehen kann: Dass wir neue Antworten auf die Balance zwischen Ökonomie und Ökologie brauchen; dass immer mehr Menschen eine andere Vorstellung davon haben, was gelungene Karrieren ausmacht und wir daher als Arbeitgeber und Führungskräfte gefordert sind; dass Digitalisierung nicht nur Wertschöpfungsmodelle erschüttert, sondern sogar unsere Daseinsberechtigung als Menschen in der Arbeitswelt in Frage stellt; dass in unseren Gesellschaften die Polarisierung zunimmt und wir uns auf die Suche nach neuen Gemeinsamkeiten oder zumindest dem Wiederentdecken von alten Gemeinsamkeiten machen müssen; dass wir Europa neu definieren müssen, weil wir innere Spannungen von Brexit bis Ungarn auszugleichen haben, und weil von aussen die Frage nach der Rolle Europas im globalen Kontext gestellt wird.

Die Liste ist lang, und man könnte sie noch weiter ergänzen und fortführen, denn da gibt’s noch vieles mehr, das auch schon vor dem März 2020 auf der Agenda gestanden ist. Und es ist nicht nur viel, es ist auch ziemlich heftig, die Aufgabenstellungen auf dieser Liste sind keineswegs einfach zu lösen.

Also auch vor Corona war nicht alles normal.

Früher war nicht alles besser. Früher war einfach nur früher.
Und die gute alte Zeit ist bei kritischer Beschau vor allem: alt.

Der Blick zurück hilft uns nur dann, wenn wir sehr differenziert beurteilen, was von damals erhaltenswert ist, was wir vor starken Veränderungen beschützen wollen, was wir in die Zukunft mitnehmen möchten.

Blicken wir also nach vorne. Und stellen wir sinngemäß die gleiche Frage, wie eingangs:

Wie kann man auf das kommende Jahr blicken, ohne zu sagen: Es wird alles besser?

Denn so wie die Nostalgie, die zurückblickt, verklärt, so verklärt auch die Hoffnung, die nach vorne blickt.

Sie hofft auf das Ende des Lockdowns, weil dann wieder der fröhliche Alltag einkehrt. Sie hofft die baldige Impfung herbei, weil damit die Pandemie besiegt sein wird. Sie hofft auf die Amtsübernahme von Joe Biden, weil damit wieder Vernunft in die U.S.Politik einkehren wird.

Die Hoffnung ist damit auf die gleiche Art und Weise naiv, wie die Erinnerung.

Beide gedanklichen Richtungen sind in ihrer Naivität wichtig, nicht zuletzt, weil sie uns helfen, Widrigkeiten die wir erlebt haben, oder die wir noch antizipieren, auszublenden, weil sie uns damit stützen, uns Energie und Zuversicht spenden. Ganz besonders die nach vorne gerichtete Hoffnung hat diese Kraft.

Aber unser Denken und unser Sehnen darf nie auf Vollständigkeit ausgerichtet sein, nicht auf einen bestimmten Augenblick, ab dem alles besser sein wird. Denn natürlich stellt sich in der Realität niemals die Erlösung ein, die wir mit der Hoffnung verknüpfen.

In unserem Leben wird auch nach dem Ende des Lockdowns nicht alles nur eitel Wonne sein, es wird auch künftig die Mühsal des Alltags beinhalten; auch nach der breitflächigen Verfügbarkeit der Impfung wird die Corona-Krise nicht schlagartig überwunden sein; die US Politik wird uns auch künftig herausfordern und irritieren. Und so weiter.

Klar, man kann sich bestimmte Ereignisse herbeiwünschen und daraus eine Verbesserung des Status Quo ableiten. Aber selbst ein Lotto-6er macht den Gewinner nicht grenzenlos glücklich und sorgenfrei.

Irgendwas ist ja immer.

Das darf uns nicht davon abbringen, nach vorne zu blicken und zu streben. Im Gegenteil.

Anzuerkennen, dass unser Leben eine Herausforderung ist und immer bleiben wird, auch nach Corona, nach Joe Biden, nach dem Lotto-6er, die Tatsache annehmen zu können, dass unser Dasein immer aus Ambition und Bemühen, aus Gelingen und auch aus Scheitern besteht, aber niemals aus Vollständigkeit – das anzuerkennen, ist ein wichtiger Reifeprozess.

Und es ist eine unglaublich erquickliche Botschaft. Denn sie befreit uns vor dem Gedanken an ein unentrinnbares Schicksal und befeuert unseren Antrieb, etwas zu unternehmen.

Es gibt den Faust’schen Moment nicht, und es gibt ihn glücklicherweise nicht. Wir sind ewig Suchende.

Der Sinn des Lebens ist nicht die Vollständigkeit, sondern die Unvollständigkeit. Was uns vorantreibt, ist nicht der Gedanke daran, dass es den einen erfüllenden Tag in unserem Leben gibt, der uns glücklich macht. Sondern, was uns antreibt, das ist die Zuversicht, dass morgen ein besserer Tag sein kann als heute. Und dass das für Übermorgen aufs Neue gilt.

Dass wir uns entwickeln können, wachsen können, lernen – dass wir gestalten können. Jeden Tag, immer wieder.

Als Trendforscher werde ich häufig und gerade auch zum Jahreswechsel immer wieder gefragt: Wie ist das, wenn Sie an morgen denken: Sind sie da Optimist oder Pessimist? Und meine Antwort lautet immer: Weder noch – ich bin Possibilist. Ich glaube daran, dass es Möglichkeiten gibt.

Ich bin kein Optimist, weil ich nicht daran glaube, dass die Welt von alleine besser wird. Und ich bin kein Pessimist, denn die Welt wird auch nicht automatisch schlechter. Zukunft wird gemacht, und sie ist nicht alternativlos.

Ich bin Possibilist, die Welt läßt sich gestalten, sie bietet uns Handlungsspielräume, Chancen und Möglichkeiten. Jeder Tag bringt solche Möglichkeiten. Jeder einzelne Tag.

Das Jahr 2021 hat 365 davon. Nutzen wir sie!

Alles Gute zum Neuen Jahr.

Filed under: Leadership, Life, Zukunft

Apokalyptische Gedanken – Teil 4: Leistung verhindert Erkenntnis.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Bisher erschienen:


Teil 4:

Leistung verhindert Erkenntnis.

Alles wird immer schneller, dynamischer. Das Gefühl kennt man selbst allzu gut. Wir konnten mit der Geschwindigkeit der Welt schon bislang schwer mithalten, und jetzt muss alles plötzlich nochmal viel schneller gehen. Kritische, für Unternehmen geradezu überlebenswichtige Entscheidungen stehen an und sie erlauben keine Verzögerung.

Die Corona-Krise als Turbo-Beschleuniger.

Dabei hat Dynamik nur am Rande mit Geschwindigkeit zu tun. Viel eher ist sie Ausdruck der Menge und Tragweite an Überraschungen, die auf uns einwirken – aufgrund von externen Impulsen, wie z.B. Marktveränderungen – oder die wir selbst schaffen – zum Beispiel durch eigene Innovationen. Zentral ist: Es geht um Unplanbares, Unvorhersehbares, Überraschendes.

Im privaten Alltag erleben wir das vielfach als bereichernd, ja sogar wünschenswert. Die gesamte Unterhaltungsindustrie lebt davon, dass wir überrascht werden wollen: Durch die Pointe des Kabarettisten, durch den Plot-Twist im Film, durch das aufmerksame Geschenk, das uns ein lieber Mensch bereitet. Verliefe unser Leben stets so, wie wir es erwartet haben, würde uns sehr bald langweilig.

Wir haben als Menschen nicht nur die Fähigkeit, sondern sogar die Sehnsucht danach, Überraschungen zu erleben und zu meistern.

Im beruflichen Kontext ist jedoch das Gegenteil der Fall. „No suprises“ gilt als eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Führungkräften. Und wirkt auch im größeren Maßstab. Aktienkurse von Unternehmen orientieren sich beispielsweise an der Erwartungshaltung der Analysten, die man besser nicht enttäuschen sollte.

Konsequenz: Heerscharen von Mitarbeitern werden in Konzernen darauf gedrillt, Abweichungen vom Geplanten zu finden, zu eliminieren und ggf. auch zu bestrafen: Konzernrevision, Prozessbeauftragte, Verfahrenshandbuchautoren, ISO-9000-Champions, Six-Sigma-Blackbelts – die Namen sind klingend, der Auftrag ist stets gleich: No surprises. Das Fehlerlose wird angestrebt, am Deutlichsten ausgedrückt durch den Begriff des „Glattläufers“. Darunter wird in der Finanzindustria ein Geschäftsvorgang verstanden, der von A bis Z so abgelaufen ist, wie geplant: Alle Formulare richtig ausgefüllt, die Fristen eingehalten, die Formvorgaben erfüllt. Perfekt.

Unternehmen versuchen, durch Perfektion ihres bisherigen Vorgehens, ihre Zukunftsfähigkeit abzusichern. Und je zielstrebiger sie das tun, umso härter ist der Aufprall in der Realität.

„Je planmäßiger unser Vorgehen, umso wirkungsvoller trifft uns der Zufall.“ wußte schon Friedrich Dürrenmatt. Ein Beispiel gefällig? Während die deutsche Automobil-Industrie mit geradezu manischer Detailverliebtheit die Spaltmaße bei VW, Audi & Co immer weiter zu reduzieren trachtete, ist der Wandel in Richtung Elektromobilität an ihr vorübergezogen. Ergebnis: Tesla konnte 2018 am zweitgrößten Automarkt der Welt erstmals mehr Fahrzeuge absetzen als Audi. Reaktionen aus Stuttgart, München und Wolfsburg: Aber die Spaltmaße!! Perfekt, oder?

Resilienz, Dynamik-Resistenz und Robustheit zu verbessern, gelingt nicht durch Leistungssteigerung.

So nachvollziehbar es ist, sich in unsicheren Märkten und schwankenden Konjunkturen auf Effizienz und Restrukturierung zu konzentrieren, so kurzsichtig ist es auch. Die kalte Corona-Dusche hat es deutlich gemacht: Zukunftssicherheit, ja sogar Überlebensfähigkeit, hängt vom scheinbar unnötigen Überfluss ab, von Zwischenlagern, Umwegen, Redundanzen. Von Vielfalt statt Slimline.

So ausgefeilt Planungs-, Budgetierungs- und Produktions-Prozesse auch gestaltet sind, letztlich gelangt nicht nur die Organisation, sondern auch der darin handelnde Mensch an einen Punkt, an dem Komplexität und Dynamik der Welt nicht mehr beherrschbar sind. Situationen, die nicht mit Ursache-Wirkungs-Prinzipien erklärt werden können, führen auch die Chefetage auf brüchiges Terrain. Dann braucht sie eine zuversichtliche Denk- und Handlungsweise im Umgang mit Unsicherheit und Risiko.

Was für Organisationen zutrifft, gilt spiegelgleich für auch für die handelnden Personen selbst:

Der Fokus auf Leistung ist die Abkürzung in die Sackgasse.

Je enger der Tunnelblick, umso gefährlicher verengt sich nicht nur die fachliche, sondern auch die menschliche Perspektive. Der schiere Leistungsgedanke ist ein Risikofaktor –  für die Qualität unternehmerischer Entscheidungen, aber auch mindestens so stark für unsere eigene Verfassung.

Christian Konrad, fast 20 Jahre lang Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes und damit selbst einer der mächtigsten Manager des Landes, hat beobachtet: „Wenn Spitzenmanager Ihre Funktion verlieren, fällt oft alles weg.“ Für karriereorientierte Workaholics, die sich im beruflichen Alltag vorwiegend auf Business Continuity konzentrieren und das nächste Umsatzziel vor Augen haben, ist das eine schmerzhafte Erfahrung, die sie oft erst dann machen, wenn sich persönliche Krisen einstellen.

Erst wenn erlebt wird, dass die vertrauten Wege ihre Wirksamkeit nicht mehr in gewünschter Weise entfalten, greifen wir auf das zurück, was tiefer sitzt. Spät, manchmal bedauerlicherweise zu spät, wird klar: Das Streben nach noch mehr Leistung hat Erkenntnis verhindert. An unseren persönlichen Grenzen angelangt, erkennen wir deutlich, was uns als Menschen zutiefst bewegt und ausmacht: Familie, Gemeinschaft, Kunst, Kultur. Wir sind soziale und schöpferische Wesen.

Corona führt uns als Gesellschaft und als Wirtschaft an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Und eröffnet damit völlig neue Chancen.

Das kreative Multitalent Markus Gull beschreibt die kontemplatorische Stille des Home Office als idealen Resonanzraum: „Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt und uns, während wir zuhause sitzen, das Gefühl von Hausarrest, Strafe, Isolation und Kranksein begegnet, so ist doch das Gefühl von Nachsitzen weit stimmiger: Jetzt können wir nachlernen, was wir längst wussten.“

Die Inspiration für ein gelingendes Morgen wird nicht daraus entstehen, dass wir uns fragen, wo wir in der Vergangenheit mehr Leistung erbringen hätten sollen. Sie wird auch nicht daraus erwachsen, Corona als eine einmalig auftretende Anomalie des Business-Lebens zu betrachten. Wir müssen daraus vor allem die Fähigkeit zur Bewältigung der Dynamik der Welt lernen. Diese Fähigkeit unterscheidet sich fundamental vom tradierten Leistungsgedanken.

Leistung verhindert Erkenntnis. Gute Führung erhebt sich daher aus der kühlen Rationalität der Businesslogik auf die Ebene der Sinnlichkeit. Das ist keine esoterische Träumerei, und es ist nicht nur aus humanistischen Gründen Wert-voll, sondern wirtschaftlich Sinn-voll. 

_______

*) Warum es sich dabei um apokalyptische Gedanken handelt, erfahren Sie im fünften Teil der Serie. Hier geht’s zu den bereits erschienenen Beiträgen:

Filed under: Business, Creativity, Future Of Work, Leadership, Life, Strategie, Zukunft

Archiv

Impressum und Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.

 

Kontakt: hallo @ franzkuehmayer.com

%d Bloggern gefällt das: