Reflections on work and life.

Gedanken zu Arbeit und Leben. Von Franz Kuehmayer.

Apokalyptische Gedanken – Teil 5: Der Keim des Neuen.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Bisher erschienen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.

Im abschließenden fünften Teil erfahren Sie, warum apokalyptische Gedanken etwas Gutes in sich tragen:

Der Keim des Neuen.

Je länger der Ausnahmezustand, in dem wir uns gerade befinden anhält, umso eher wird die Frage, wie es danach weitergeht abgelöst durch: Ob es danach weitergeht?

In Deutschland gehen Ökonomen davon aus, dass sich die Wirtschaftsleistung gegenwärtig auf 50 Prozent des Normalniveaus befindet. Italien und Spanien sind gar bis aufs Existenzminimum heruntergfahren worden. Was die Coronakrise an volkswirtschaftlichen Kosten verursachen wird, können wir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht einschätzen. „In den Wirtschaftswissenschaften haben wir noch weniger Daten als in der Medizin.“ beklagt der Ökonom Harald Oberhofer. Wir sehen, wie sich die Arbeitslosigkeit in jenen Branchen entwickelt, die ganz direkt betroffen sind, etwa von behördlichen Schließungen, oder traditionell sehr kurzfristig auf Konjunkturschwankungen reagieren, wie etwa die Bauwirtschaft. Aber wie sich indirekte Effekte darstellen; welche Branchen und Unternehmen jetzt noch im Durchhalte-Modus sind, aber zunehmend mit wirtschaftlicher Atemnot kämpfen; wie sich im Lichte einer Re-Lokalisierung von Beschaffungsketten Exporte entwickeln – all das und noch viele weitere Folgen kennen wir noch nicht. Es wird wohl Monate dauern, bis wir das seriös abschätzen können.

Corona – und dann?

Wird jener Teil der Wirtschaftsleistung, die derzeit nicht erbracht wird, für immer dahin sein? Schließlich wird jemand, der jetzt nicht zum Friseur gehen kann, um sich die Haare schneiden zu lassen, später deshalb nicht zweimal gehen. Erleben wir gerade verlorene Monate, als Vorboten einer nachhaltigen Dürreperiode, von der wir uns nur sehr langsam erholen werden?

Oder steht uns in naher Zukunft ein rasantes Wachstum bevor, befeuert vom Nachholbedarf der Krisenzeit. Wird das, was man privat oder als Unternehmen in der Krise nicht in Anspruch nehmen konnte, nachher nicht umso gefragter sein? Event-Veranstalter zeichnen z.B. das Bild von einem sehr eng getakteten Herbst, weil Veranstaltungen, Kongresse von jetzt in Richtung Oktober, November verschoben werden. Niemals schmeckte das Schnitzel besser, als nach der Fastenzeit.

Corona verleiht uns Spielraum. 

Wir können keine abschließende Erzählung der Zukunft nach Corona geben. Das konnten wir in Wahrheit übrigens ohnehin noch nie. Viel spannender ist daher die Frage: Entsteht nicht gerade etwas ganz Neues?

Schon jetzt, nach nur wenigen Wochen merken wir es: Wenn die Organsiation des Dringendsten abgeschlossen ist, stellen sich Menschen zunehmend auch grundlegende Fragen. In den Antworten darauf kann der Geist des Neuen entstehen, neue Vorstellungen vom morgen – neue Business Ideen, neue Werte, neue Gesellschaft.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger.

Manches davon ist in diesen Tagen ganz offensichtlich angelegt: Etwa, dass eCommerce und speziell die Lebensmittel-Belieferung einen dauerhaften Schub bekommen könnten. Oder auch die Erkenntnis, dass wir im erzwungenen HomeOffice gerade mehr über NewWork und Remote Work lernen, als in vielen Workshops davor – und sich daher vieles von der Art, wie wir jetzt gerade arbeiten, verselbständigen und Regelbetrieb werden wird.

Anderes ist tiefschürfender.

Wir haben erlebt, dass in der härtesten Zeit Gemeinschaftssinn, Humor, Mitmenschlichkeit, und ein Sinn von Dankbarkeit entstanden sind, die bislang verschüttet waren. Das wird uns auch helfen, wenn wir wieder andere gesellschaftliche Probleme zu lösen haben.

Wir stellen fest, dass Politik evidenzbasiert vorgeht. Die Legitimität von methodisch erhobenen Fakten, von wissenschaftlichem Vorgehen ist rapide angestiegen. Das wird uns auch bei der Bewältigung der Klimakrise helfen.

Wir haben erkannt, wer die wirklich systemrelevanten Positionen besetzt – nämlich Ärztinnen, Sozialarbeiter, Erntehelfer. Das wird uns künftig dabei helfen, Berufe und Entlohungen neu zu bewerten, wenn sich strukturelle Veränderungen am Arbeitsmarkt ergeben, etwa durch Digitalisierung.

Wir haben gespürt, wer uns in diesen Tagen unterstützt, zu seinem Wort steht, wer Vetrauen und Zuversicht stiftet, und wo viel beschworene Unternehmenswerte sich tatsächlich bewähren – oder eben auch nur hohle Phrasen geblieben sind. Das wird uns unseren Blick dafür schärfen, was „gute Arbeit“ ausmacht.

Wir erleben, wie sich unsere Wertschätzung für das Einfache steigert, wie Reduktion kein Verzicht, sondern Genuss wird. Das wird uns in der Gestaltung unserer Beziehungen und unseres Konsums helfen.

Wir fühlen uns im Angesicht des Virus hilflos, und erkennen dennoch gerade jetzt, dass in Forschung und Innovation die Lösung zu suchen ist. Das wird uns auch bei der Bewältigung anderer Krisen, wie etwa der Bekämpfung anderer tödlicher Krankheiten helfen.

Ist also doch alles rosa? Keineswegs.

Zwar haben aktuell politische Hetzer und Spalter keine Chance im Medienkonzert Gehör zu finden, dennoch fahren überall die Nationalstaaten ihre Zäune und Mauern hoch. Manchem Faschisten dient Corona als Vorwand zur endgültigen Demontage der Demokratie – wie es etwa Viktor Orban in Ungarn gerade vorführt. Dass der ehemalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker den ungarischen Regierungschef dereinst im Scherz mit „Hallo Diktator“ begrüßte, ist gerade bittere Realität geworden. Während solches bei uns undenkbar erscheint, bietet eine veritable Krise wie Corona natürlich auch politische Möglichkeiten, Freiheit und Bürgerrechte kurzfristig – und möglicherweise auch dauerhaft – zu unterlaufen. Stichworte: BigData, Bewegungsdaten, Netzneutralität.

Corona wird das Narrativ der Zukunft mitbestimmen, das Jahr 2020 wird ein Referenzpunkt sein.

Es wird Erinnerungen an enormes Leid beinhalten, Tausende Tote in Italien, Ärzte, die Triagen durchführen müssen, weil nicht genug Versorgungskapazität vorhanden ist; Erinnerungen an Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens; Erinnerungen an Hamsterkäufe von WC-Papier, und improvisierte Home-Offices. Erinnerungen an eine schwere wirtschaftliche Krise mit hunderttausenden Arbeitslosen und Unternehmen, die als unsinkbar galten und plötzlich an den Rand der Existenz gedrängt wurden.

Wir werden uns aber auch daran erinnern, was plötzlich möglich war. Und staunen, woran wir davor geglaubt haben, welche Vorstellungen wir von der Zukunft hatten. Corona teilt unsere Leben – persönlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich – in ein Davor und ein Danach.

Historische Analogien belegen die Sprengkraft einschneidender Ereignisse. Und geben uns Hoffnung. Nicht selten entsteht nach der Krise unfassbarer Aufschwung – mit neuen Werten.

Die Urkatastrophe des Ersten Weltkriegs fegte nicht nur in ganz Europa monarchische Herrschaftsstrukturen zugunsten junger Demokratien  hinweg, sie war auch Ausgangspunkt einer Blütezeit von Kunst, Kultur und Wissenschaft. Die Goldenen 20er in Berlin, die Roaring 20s, les Années Folles drückten sich in Literatur, Malerei, Film & Kino aus, ermöglichten Bauhaus und Jazz, aber bspw. auch die neue, selbstbewußte Rolle der Frau in der Gesellschaft.

Auf den Horror des Zweiten Weltkriegs folgte nicht nur das Wirtschaftswunder, sondern auch ein zusammenwachsendes Europa und die längste Zeit des Friedens seit Menschengedenken.

Vielleicht wird nach Corona eine neue Sehnsucht nach heiler Welt eintreten, eine Verlängerung des Corocooning in ein neues Biedermeier. Oder eine geradezu extatische Sorglosigkeit, die nach dem Motto „Wir haben das überstanden, was kann uns noch passieren?“ lustvolle Energien freisetzt.

Das kommende Jahrzehnt kann das Düsterste unserer Generation sein. Oder das Beste. Wir legen jetzt den Grundstein für morgen.

Entscheidend ist die Einsicht, dass wir selbst die Weiche stellen, in die eine oder andere Richtung. Darin steckt die wahre Arbeit und Verantwortung für Führungskräfte in diesen Tagen.

Das Wort „Apokalypse“ steht in seiner ursprünglichen, altgriechischen Bedeutung für „Enthüllung“ (wortwörtlich: „Entschleierung“). Schon Martin Luther übersetzte apokalypsis mit „Offenbarung“. Die Zeitenwende ist eben nicht nur Untergang, sondern vor allem ein Neuanfang. Der Corona-Virus überträgt also vor allem den Keim des Neuen. Wenn das keine positive Botschaft ist!

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Die anderen vier Gedanken können Sie hier nachlesen:

  1. Corona steigert unsere Widerstandskraft
  2. Das Ende der Anwesenheitspflicht
  3. Corona, der ultimative Charaktertest
  4. Leistung verhindert Erkenntnis.

Filed under: Business, Future Of Work, Innovation, Leadership, Leitbild, Life, Strategie

Apokalyptische Gedanken – Teil 4: Leistung verhindert Erkenntnis.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Bisher erschienen:


Teil 4:

Leistung verhindert Erkenntnis.

Alles wird immer schneller, dynamischer. Das Gefühl kennt man selbst allzu gut. Wir konnten mit der Geschwindigkeit der Welt schon bislang schwer mithalten, und jetzt muss alles plötzlich nochmal viel schneller gehen. Kritische, für Unternehmen geradezu überlebenswichtige Entscheidungen stehen an und sie erlauben keine Verzögerung.

Die Corona-Krise als Turbo-Beschleuniger.

Dabei hat Dynamik nur am Rande mit Geschwindigkeit zu tun. Viel eher ist sie Ausdruck der Menge und Tragweite an Überraschungen, die auf uns einwirken – aufgrund von externen Impulsen, wie z.B. Marktveränderungen – oder die wir selbst schaffen – zum Beispiel durch eigene Innovationen. Zentral ist: Es geht um Unplanbares, Unvorhersehbares, Überraschendes.

Im privaten Alltag erleben wir das vielfach als bereichernd, ja sogar wünschenswert. Die gesamte Unterhaltungsindustrie lebt davon, dass wir überrascht werden wollen: Durch die Pointe des Kabarettisten, durch den Plot-Twist im Film, durch das aufmerksame Geschenk, das uns ein lieber Mensch bereitet. Verliefe unser Leben stets so, wie wir es erwartet haben, würde uns sehr bald langweilig.

Wir haben als Menschen nicht nur die Fähigkeit, sondern sogar die Sehnsucht danach, Überraschungen zu erleben und zu meistern.

Im beruflichen Kontext ist jedoch das Gegenteil der Fall. „No suprises“ gilt als eine der wichtigsten Regeln im Umgang mit Führungkräften. Und wirkt auch im größeren Maßstab. Aktienkurse von Unternehmen orientieren sich beispielsweise an der Erwartungshaltung der Analysten, die man besser nicht enttäuschen sollte.

Konsequenz: Heerscharen von Mitarbeitern werden in Konzernen darauf gedrillt, Abweichungen vom Geplanten zu finden, zu eliminieren und ggf. auch zu bestrafen: Konzernrevision, Prozessbeauftragte, Verfahrenshandbuchautoren, ISO-9000-Champions, Six-Sigma-Blackbelts – die Namen sind klingend, der Auftrag ist stets gleich: No surprises. Das Fehlerlose wird angestrebt, am Deutlichsten ausgedrückt durch den Begriff des „Glattläufers“. Darunter wird in der Finanzindustria ein Geschäftsvorgang verstanden, der von A bis Z so abgelaufen ist, wie geplant: Alle Formulare richtig ausgefüllt, die Fristen eingehalten, die Formvorgaben erfüllt. Perfekt.

Unternehmen versuchen, durch Perfektion ihres bisherigen Vorgehens, ihre Zukunftsfähigkeit abzusichern. Und je zielstrebiger sie das tun, umso härter ist der Aufprall in der Realität.

„Je planmäßiger unser Vorgehen, umso wirkungsvoller trifft uns der Zufall.“ wußte schon Friedrich Dürrenmatt. Ein Beispiel gefällig? Während die deutsche Automobil-Industrie mit geradezu manischer Detailverliebtheit die Spaltmaße bei VW, Audi & Co immer weiter zu reduzieren trachtete, ist der Wandel in Richtung Elektromobilität an ihr vorübergezogen. Ergebnis: Tesla konnte 2018 am zweitgrößten Automarkt der Welt erstmals mehr Fahrzeuge absetzen als Audi. Reaktionen aus Stuttgart, München und Wolfsburg: Aber die Spaltmaße!! Perfekt, oder?

Resilienz, Dynamik-Resistenz und Robustheit zu verbessern, gelingt nicht durch Leistungssteigerung.

So nachvollziehbar es ist, sich in unsicheren Märkten und schwankenden Konjunkturen auf Effizienz und Restrukturierung zu konzentrieren, so kurzsichtig ist es auch. Die kalte Corona-Dusche hat es deutlich gemacht: Zukunftssicherheit, ja sogar Überlebensfähigkeit, hängt vom scheinbar unnötigen Überfluss ab, von Zwischenlagern, Umwegen, Redundanzen. Von Vielfalt statt Slimline.

So ausgefeilt Planungs-, Budgetierungs- und Produktions-Prozesse auch gestaltet sind, letztlich gelangt nicht nur die Organisation, sondern auch der darin handelnde Mensch an einen Punkt, an dem Komplexität und Dynamik der Welt nicht mehr beherrschbar sind. Situationen, die nicht mit Ursache-Wirkungs-Prinzipien erklärt werden können, führen auch die Chefetage auf brüchiges Terrain. Dann braucht sie eine zuversichtliche Denk- und Handlungsweise im Umgang mit Unsicherheit und Risiko.

Was für Organisationen zutrifft, gilt spiegelgleich für auch für die handelnden Personen selbst:

Der Fokus auf Leistung ist die Abkürzung in die Sackgasse.

Je enger der Tunnelblick, umso gefährlicher verengt sich nicht nur die fachliche, sondern auch die menschliche Perspektive. Der schiere Leistungsgedanke ist ein Risikofaktor –  für die Qualität unternehmerischer Entscheidungen, aber auch mindestens so stark für unsere eigene Verfassung.

Christian Konrad, fast 20 Jahre lang Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes und damit selbst einer der mächtigsten Manager des Landes, hat beobachtet: „Wenn Spitzenmanager Ihre Funktion verlieren, fällt oft alles weg.“ Für karriereorientierte Workaholics, die sich im beruflichen Alltag vorwiegend auf Business Continuity konzentrieren und das nächste Umsatzziel vor Augen haben, ist das eine schmerzhafte Erfahrung, die sie oft erst dann machen, wenn sich persönliche Krisen einstellen.

Erst wenn erlebt wird, dass die vertrauten Wege ihre Wirksamkeit nicht mehr in gewünschter Weise entfalten, greifen wir auf das zurück, was tiefer sitzt. Spät, manchmal bedauerlicherweise zu spät, wird klar: Das Streben nach noch mehr Leistung hat Erkenntnis verhindert. An unseren persönlichen Grenzen angelangt, erkennen wir deutlich, was uns als Menschen zutiefst bewegt und ausmacht: Familie, Gemeinschaft, Kunst, Kultur. Wir sind soziale und schöpferische Wesen.

Corona führt uns als Gesellschaft und als Wirtschaft an die Grenzen der Leistungsfähigkeit. Und eröffnet damit völlig neue Chancen.

Das kreative Multitalent Markus Gull beschreibt die kontemplatorische Stille des Home Office als idealen Resonanzraum: „Auch wenn es sich gerade nicht so anfühlt und uns, während wir zuhause sitzen, das Gefühl von Hausarrest, Strafe, Isolation und Kranksein begegnet, so ist doch das Gefühl von Nachsitzen weit stimmiger: Jetzt können wir nachlernen, was wir längst wussten.“

Die Inspiration für ein gelingendes Morgen wird nicht daraus entstehen, dass wir uns fragen, wo wir in der Vergangenheit mehr Leistung erbringen hätten sollen. Sie wird auch nicht daraus erwachsen, Corona als eine einmalig auftretende Anomalie des Business-Lebens zu betrachten. Wir müssen daraus vor allem die Fähigkeit zur Bewältigung der Dynamik der Welt lernen. Diese Fähigkeit unterscheidet sich fundamental vom tradierten Leistungsgedanken.

Leistung verhindert Erkenntnis. Gute Führung erhebt sich daher aus der kühlen Rationalität der Businesslogik auf die Ebene der Sinnlichkeit. Das ist keine esoterische Träumerei, und es ist nicht nur aus humanistischen Gründen Wert-voll, sondern wirtschaftlich Sinn-voll. 

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*) Warum es sich dabei um apokalyptische Gedanken handelt, erfahren Sie im fünften Teil der Serie. Hier geht’s zu den bereits erschienenen Beiträgen:

Filed under: Business, Creativity, Future Of Work, Leadership, Life, Strategie, Zukunft

Apokalyptische Gedanken – Teil 3: Corona, der ultimative Charakter-Test.

Für die „Generation Corona“ wird die aktuelle Situation ebenso einschneidend sein, wie die ganz großen Krisen der Vergangenheit für unsere Vorfahren. Sie „wird das Antlitz der Erde verändern“, sagte der Wiener Erzbischof in diesen Tagen. Wir leben in prägenden Zeiten. Welche Gedanken können uns durch diesen Tsunami leiten — und vor allem, uns auf eine neue Zukunft einstellen? Dazu – ohne jeden Euphemismus – fünf positiv stimmende Anregungen. *)

Hier geht’s zu den bereits erschienenen Teilen: 

Heute, Teil 3:

Corona, der ultimative Charakter-Test.

Die Welt ist in den letzten Tagen aus den Fugen geraten. Dabei buchstäblich in der Hauptrolle: Das wie Gold gehandelte WC-Papier als Symbol für eine Rette-sich-wer-kann-Mentalität. Schon wenige Augenblicke später wird uns bewußt, wie absurd diese panikgetriebenen Ego-Trips der Hamsterer sind, und dass die Lösung wohl eher darin besteht, der älteren Nachbarin anzubieten, ihre Einkäufe zu übernehmen, damit sie keinem unnötigen Risiko ausgesetzt ist.

Solidarität schlägt Egoismus. Immer.

Schon vor Beginn des Virus-Ausbruchs konnten wir beobachten, dass Wertewandel, politische Strömungen und wirtschaftliche Verwerfungen eine gesellschaftliche Granularität erzeugt haben, die uns voneinander entfernt. Stand zu Zeiten des Mauerfalls vor 30 Jahren, oder zum Zeitpunkt des EU-Beitritts Österreichs vor 25 Jahren noch in Aussicht, dass die EU ein stärkeres Zusammenwachsen des Kontinents vorantreiben würde, so mehrten sich in letzter Zeit eher Anzeichen eines Auseinanderdriftens. Immer seltener werden die gemeinsamen Errungenschaften gewürdigt. Nicht nur in den USA geht es um „My Country First“, auch in Europa wurden nationale Stimmen lauter. Brexit, Orban, Katalonien. Überall tun sich Risse auf. 

Die Fragmentierung wirkt nicht nur auf der Ebene der Staaten, sie zeigt sich auch in der Arbeitswelt, in der verstärkt Einzigartigkeit zählt. Das Außergewöhnliche, Innovation und Unternehmergeist stehen im Rampenlicht, und damit der Einzelne. Individualisierung ist ein hohes Gut, sie gilt im aufklärerischen Sinne als Ausbruch der Menschen aus ihrem selbstverschuldeten Elend. Es wäre jedoch trügerisch, im Lichte der unbestrittenen Vorteile einer stärker individualisierten Arbeitswelt nicht auch die Schattenseiten zu erkennen. 

Um der Gefahr der Entsolidarisierung zu entgehen, bedarf es daher höherer Anstrengungen, gerade auch auf Seiten der Unternehmen. Denn Arbeit ist mehr als bloße Sicherung ökonomischer Grundlagen – ein Leitsatz, den man in Zeiten einer auf exponentielles Wachstum und Shareholder Value getrimmten Wirtschaftslandschaft nicht oft genug betonen kann. 

Die Corona-Krise ist zu einem Aufwach-Moment geworden, der uns schlagartig die Gefahren der gesellschaftlichen Zentrifugalkräfte bewußt gemacht hat. 

Wir leben und arbeiten momentan in räumlicher Isolation. Daraus darf keine soziale Isolation werden.

Der in der Krisenkommunikation eifrig verwendete Begriff vom „Social Distancing“ ist extrem irreführend. Natürlich erproben jetzt viele in aller Eile neue Arbeitsformen. Aber wir alle erkennen: Der Schlüssel zum gelungenen Umgang mit Kunden und Partnern liegt nicht in der Technologie. Entscheidend, um gut durch die Krise zu kommen, wird die Veränderung sozialer Verhaltensformen sein.

  • Wenn aktuell täglich um 18 Uhr die Fenster geöffnet und minutenlang jenen applaudiert wird, die nicht im Home Office arbeiten können, sondern an vorderster Front dafür sorgen, dass die kritische Infrastruktur des Landes weiterläuft, ist das ein Ausdruck von Solidarität. 
  • Wenn Unternehmen, die aktuell mit massiven Auftragseinbußen konfrontiert sind, ihre MitarbeiterInnen nicht auf die Straße setzen, sondern an andere Betriebe ausleihen, die zur Bewältigung der Krise händeringend nach Verstärkung suchen, ist das ein Zeichen gelebter Kooperation. 
  • Wenn Firmen auch sonst alles daran setzen, möglichst niemanden zu entlassen, sondern mit Kurzarbeit und anderen Modellen durchzuhalten, zeigt sich unternehmerische Verantwortung.
  • Wenn die üblicherweise im erbitterten Wettstreit zueinenader stehenden Hi-Tech-Giganten wie Amazon, Microsoft und Google sich zusammenschließen, um mit vereinten Kräften ihre BigData-Kompetenz zum besseren Verständnis der Epidemie einsetzen, ist das nicht nur Goodwill.
  • Dass sich auf Social Media reihenweise Vorstände auf geradezu rührende Weise bei Ihren MitarbeiterInnen bedanken, weil sie erkennen, wie tapfer und flexibel von ihnen das Unternehmen trotz aller Widrigkeiten am Laufen gehalten wird, ist ein Signal in Richtung Zusammenhalt. 

Dass Zusammenhalt in der Gesellschaft wichtig ist, ist eben nicht nur ein sozialromantischer Gedanke, sondern entscheidend für unser aller Wohlbefinden und sogar Überleben.

Das gilt für die Zukunft auch in weniger herausfordernden Zeiten, und ist eine Lehre für Führungskräfte. In einer zunehmend fragmentierten (Arbeits-)Welt zählt es zu einer wichtigen Aufgabe von Führungskräften, für mehr Zusammenhalt zu sorgen. Ein Unternehmen, eine Organisation, ist zunächst einmal ein Sozialsystem. Führungsarbeit hat daher vor allem damit zu tun, zu regeln, wie dieses Sozialsystem funktionieren soll, worauf man sich einigt. Da geht es um Identität, Werte, Kultur und damit um Arbeit auf der normativen Ebene.

Ob das, was in wohlklingenden Image-Inseraten und auf Employer-Branding-Websites klangvoll als Unternehmenswerte dargestellt wird auch tatsächlich stimmt — das zeigt sich genau jetzt, im Härtefall. Damit wird auch dem letzten Kritiker klar: Kultur ist eben kein Orchideen-Thema, mit dem man sich beschäftigt, wenn einem sonst nichts mehr einfällt. Jetzt, im strömenden Regen, zeigt sich, dass Arbeit an Führungskultur kein Schönwetter-Programm ist.

Was uns die Krise deutlich vor Augen führt: Die Zeit der Einzelkämpfer und Self-Made-Men ist vorbei. Einem Unternehmen geht es nur dann gut, wenn es auch einer großen Gruppe anderer gut geht – Partnern, Kunden, Mitarbeitern und auch Mitbewerbern. 

Auch nach Corona wird diese Lehre nicht an Bedeutung verlieren, sondern im Gegenteil noch wichtiger werden. Die real digitale Arbeitswelt wird uns auch in Zukunft fordern, näher zu unserer Menschlichkeit vorzudringen. Wie sonst sollten wir uns von Maschinen unterscheiden? 

Ganz besonders gilt das auch auf der persönlichen Ebene. In Zeiten von Krisen werden wir an unsere ureigensten Charaktereigenschaften herangeführt. Jetzt zeigen sich Menschlichkeit, Kooperationsfähigkeit, Handschlag, Vertrauen.

Wir werden uns nicht nur daran erinnern, wie wir Corona bewältigt haben, sondern vor allem: Mit wem. Und daher auch: Mit wem wir unsere Zukunft gestalten wollen. In der Krise wird der Charakter getestet – und Beziehungen gestaltet.

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*) Warum es sich dabei um apokalyptische Gedanken handelt, erfahren Sie im fünften Teil der Serie. Hier geht es zu den bereits erschienenen Beiträgen:

 

 

Filed under: Business, Future Of Work, Leadership, Leitbild, Zukunft

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Impressum und Kontakt

Franz Kühmayer ist einer der einflussreichsten Vordenker zur Zukunft der Arbeit.

 

Kontakt: hallo @ franzkuehmayer.com

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